Von der Balance unserer Lebenskräfte #8

Was der Mensch von einer Gießkanne lernen kann

von Martin Lorch, Quelltext #8

Gießen sie gerne Blumen? Dann kennen sie sich bestimmt mit Gießkannen aus. Gießkannen sind Experten für die Balance des Wasserhaushalts – für die Balance des Nehmens und Gebens. Wir sollten uns Zeit nehmen, von ihnen zu lernen.
Zunächst aber soll die Rede von der Wasserquelle sein, denn ohne sie geht’s nicht. Das weiß jede Gießkanne.
Jesus sagt:“Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh.7,37+38)
Das Bild von der immerwährenden, sprudelnden Quelle, die immer empfängt, um sich immer wieder zu zerströmen, damit der Lebensdurst gestillt wird- dies ist ein altes Bild der Menschen, für die Sehnsucht nach Leben und Erfüllung und die Suche nach Kraft- und Energiequellen zur Bewältigung des täglichen Lebens. Wie ist das möglich, daß ein ’nach Leben dürstender ‚ Mensch Erfüllung erfährt und zu einem Menschen werden kann, von dem ‚Ströme lebendigen Wassers‘ ausgehen?
Wir Menschen sind eher geneigt in einer Pendelbewegung zu leben. Wir verschleudern unsere Kräfte, bis wir ausgepowert und ausgebrannt sind. Dann wächst in uns die Sehnsucht nach Rückzug und totaler Entspannung. Aber selbst, wenn wir diese Entspannung erleben, erfüllt sie uns nicht und kann uns das nicht geben, was wir im Gefordertsein in Familie, Beruf und Gesellschaft eigentlich brauchen. Wir verstärken die Pendelbewegung, bis wir am Ende unserer Kräfte sind und sehnen uns nur noch nach Entlastung. Andere versuchen, sich durch eiserne Dosierung ihrer Kräfte gegen das Ausgelaugt werden zu stemmen und erleben, daß ihre Haltung in Konflikte führt: Beim Chef, bei den Kollegen gegenüber dem Ehepartner, bei der Erziehung der Kinder.

Wie kommen wir in eine gute Balance unserer Lebenskräfte?
Unlängst brütete ich zu diesem Thema über einer Predigt, die ich bei einem Abendgottesdienst halten sollte. Ich seufzte vor dem Herrn, weil mir nichts Gescheites einfiel. Plötzlich stand mir eine Gießkanne vor Augen. Ich staunte über dieses Bild, aber dann fingen meine Gedanken an zu fließen, und in Kürze hatte ich eine ‚Gießkannen-Predigt‘ vor mir liegen. Einerseits dankbar, andererseits unsicher, ob die Predigt das ‚Passende‘ wäre, machte ich mich auf zu der Gemeinde. Als ich dort den Gemeindesaal betrat, war das Erste, was ich sah, eine blitzblanke neue Blechgießkanne, gefüllt mit Blumen als Dekoration auf dem Tisch. Mein Herz hüpfte! Ich sagte: „Danke Herr für diese Bestätigung!“ Mein Predigteinstieg war geritzt:“ Liebe Gemeinde, mit dem Reich Gottes ist es wie mit…“Ich entschuldigte mich, ging nach hinten und holte die Gießkanne-„…wie mit einer Gießkanne!“ Ich war wieder um eine Lektion reicher, wie Gott einem ‚durstigen Prediger‘ Ströme lebendigen Wassers geben kann.
Wie ist das also mit einer Gießkanne?

1. Müssen Gießkannen strahlen?

Eine Gießkanne strahlt, wenn sie über den Ladentisch geht. Da ist sie neu, ohne Beulen und Rost, frisch feuerverzinkt, ein echtes Deko-Stück! Soll das so bleiben? Soll sie geschont werden? Nein, die Berufung einer Gießkanne ist, daß sie gebraucht werden soll. -Sie wird ’naß werden‘! Sie wird schmutzig werden! Sie kriegt Ihre Macken und Beulen! Mit der Zeit verblaßt ihr Glanz, ja sie setzt sogar Rost an. Welcher Gartenfreund käme auf die Idee, seine Gießkanne zu putzen, zu wienern und auf Hochglanz zu bringen? Außerdem hat die Gießkanne ständig ‚Durst‘. Sie ist leer, deshalb kann sie gefüllt werden. Eine gebrauchte, leere Gießkanne ist also ein Bild für Identität – Grundlage höchster Erfüllung einer Gießkanne. Welches Bild haben wir von uns? Sind wir identisch mit dem, was unsere Berufung ist? Wie gehen wir mit unseren‘ Gebrauchsspuren‘ um, wenn wir in den Spiegel schauen? Genügen wir uns selbst? Wollen wir perfekt sein als der perfekte Mitarbeiter, die perfekte Hausfrau, der perfekte Ehepartner, die perfekten Eltern? Wie gehen wir mit unseren Macken um? Mit unseren Beulen? Jesus sagt nicht:“Wer da perfekt ist oder schon einigermaßen überzeugend, daß er es irgendwann schafft, der darf zur Belohnung bei mir trinken..“,sondern „wen da dürstet, der komme zu mir und trinke.“ Jesus nimmt uns an, wie wir sind. Wir dürfen kommen mit unserem Schmutz, mit unseren Macken, mit unserem Rost, aber vor allem mit unserem Durst! Gießkannen Gottes also müssen nicht strahlen. Wir finden dies bei Paulus: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in dem Schwachen mächtig! “ (2.Kor. 9,12).

2. Gießkannen brauchen einen, der sie erfüllt!

Die sich selbst erfüllende Gießkanne ist leider (?) noch nicht erfunden worden. Wem dies gelänge, wäre ein gemachter Mann! Träumen wir Menschen immer noch davon, aus uns selbst heraus alles zu können, zu machen, zu erfüllen? (1.Mos.3,5) Das Bemerkenswerte an Gießkannen ist, daß sie leer sind und nur durch Erfüllung eines andern zu ihrer Bestimmung als Gießkanne kommen.
Kann das Geschöpf Gottes, der als ‚Bild Gottes‘ geschaffene Mensch, zum Gegenüber Gottes ohne diese Fremderfüllung zu seiner Identität kommen? (1.Mos.1,27+31; 1.Mos.2,7). Wir Menschen waren schon immer erfinderisch, uns durch materiellen Wohlstand, Philosophien und Ideologien eine handfeste greifbare Erfüllung zu schaffen. Wir glauben an das Glück aus der Materie, an die Machbarkeit aller Dinge, an die Energien aus Bios und Kosmos. Wir glauben, die letzten Geheimnisse des Lebens lösen zu können. Wir glauben an das Gute im Menschen, das sich höher und höher entwickelt. Wer mit wachem Sinn Entwicklungen und Zerbrüche im weltweiten Horizont beobachtet, kann erkennen, daß das Geschöpf Gottes ohne Bezug zu seinem Schöpfer entwurzelt wird und seine Bestimmung zur Bewahrung der Schöpfung verliert. Sind wir nicht mitten in diesem Zeitgeist zerrissen und gleichen eher Gießkannen, die falschen Erfüllungen und Erfüllern nachjagen? „Wer Durst hat ,komme zu mir“, sagt Jesus. Er ruft uns heraus aus unseren falschen Berufungen, weg von falschen Erfüllern in die Barmherzigkeit und Liebe des Vaters. Dort finden wir unsere Identität als Kinder des Vaters (Luk.15,11-32). Wir sind bedingungslos angenommene, geliebte Söhne und Töchter dieses Schöpfer-Gottes. Er bietet sich als „Vater“- ganz anders als unsere menschlichen Väter – an als eine unerschöpfliche Quelle der Liebe und der Kraft. Darin finden wir unsere Erfüllung, wenn wir beten:“Vater unser im Himmel…“Darin haben wir es aber besser als die Gießkannen. Sie haben höchstens eine sachliche zweckmäßige ‚Funktionsbeziehung‘ zu ihren Erfüllern. Wir als die Bedürftigen dürfen eine Liebesbeziehung von Person-Mensch zu Person-Gott haben. Wem dies schwer fällt zu glauben, soll auf Jesus schauen und hören:“Wer mich sieht, der sieht den Vater.“(Joh. 14,9) Wer von Gott angenommen ist, kann sich selbst annehmen! Wer von Gott geliebt ist, wird liebesfähig. Wer geachtet ist, kann andere achten. Wem Gott beisteht, der kann bestehen. Das ist die gute Erfüllung mit ‚Strömen lebendigen Wassers‘.

3. Nur geleerte Gießkannen können erfüllt werden!

Angenommen irgendwelche ölige Giftbrühe schwappt in einer Gießkanne herum, welcher Gießkannenfreund käme auf die Idee, ein bißchen frisches Wasser hineinzufüllen und dann dieses Gemisch dem durstigen Land zuzumuten? In solchen Fällen bräuchte es eine Totalentleerung und eine anschließende Reinigung.
„…der komme zu mir und trinke…“ Jesus lädt ein zu einer Entleerung unseres ‚vergifteten‘ Herzens und einer gründlichen Reinigung (Ps.62,9 und 1.Joh.1,9 ). Beten ist das Reden des Herzens mit Gott. Vor ihm können wir alles ausschütten und aussprechen: „…und trinke…“ Sobald wir es im Gebet vollziehen, vollzieht sich in der Kraft Gottes auch das Empfangen! Wenn wir unsere Schuld ausschütten, empfangen wir seine Vergebung -Wenn wir unsere Ärmlichkeit ausschütten, empfangen wir seinen Reichtum. -Wenn wir unsere Trauer ausschütten, empfangen wir sein Trösten. -Wenn wir unseren Zorn ausschütten, empfangen wir seinen Frieden. -Wenn wir unsere Schwachheit ausschütten, empfangen wir seine Kraft. -Wenn wir…Wir könnten noch manche Seite füllen und kämen nicht zu Ende mit dem, was wir Gott geben könnten, wo er nicht überfließend zurückgeben würde (Luk.6,38). So einfach macht Jesus das Loslassen und Empfangen. Das Reden des Herzens mit Gott ist das schlichte Gebet eines Menschen zu dem Gott, der sich mit der ganzen Last und Schuld der Welt identifiziert hat (Jes.53). Daraus schenkt Gott dem Betenden, daß er sich identifizieren darf mit der Kraft und den guten Gaben Gottes: „…und trinke!“Das ist ein unfasslicher Austausch: Gott trägt unsere Lasten, und wir empfangen seine Gaben und Käfte.

4. Gießkannen brauchen andauernd eine Öffnung nach oben!

Gießkannen mit einer Öffnung nach unten? -Unmöglich! Gießkannen mit vielen Öffnungen auf die Seite? Das Wasser würde zerfließen, bis die Gießkanne am Einsatzort ist! Für Gießkannen ist es selbstverständlich, eine Öffnung nach oben zu haben – für den Erfüller! Gibt es Gießkannen mit Deckeln oder Schraubverschlüssen damit ja das kostbare Naß nicht verschüttet wird? Die Gießkanne als Hüterin des kostbaren Wassers? Gießkannen würden uns nun entrüstet ins Wort fallen!
Gleichen wir Menschen aber nicht solchen Gießkannen? Sind wir „offen nach oben „zu Gott, wenn wir im Streß sind oder wenn wir streiten -oder wenn wir unsere Erwartungen auf Menschen richten und enttäuscht werden? Schrauben wir aus unserem Frust der Enttäuschung dann lieber noch einen Deckel auf? Verschließen wir uns gegenüber den anderen? Ziehen wir uns zurück und hüten das, was in uns ist, wie ein bißchen kostbares Wasser? Wer neue Erfüllung will, wer Kraft schöpfen will, wer im Glauben und Vertrauen erneuert werden will, muß seinen Deckel abschrauben und sich „nach oben öffnen“. „Alle Gute Gabe und alle vollkommene Gabe kommt von oben herab von dem Vater des Lichts“ (Jak.1,17). “ Wenn es aber jemand unter euch an Weisheit (oder an etwas anderem) mangelt, so bitte er Gott , der jedermann gern gibt und niemanden schilt, so wird sie ihm gegeben werden“ (Jak.1,6). Diese Öffnung nach oben ist die täglich neu gelebte Beziehung im Reden und Hören auf Gott. Das Hören auf Gott geschieht mit dem vertrauenden Herzen. „Du bist mein Hirte. Als Dein Schaf höre ich Deine Stimme. Du kennst mich. Ich folge Dir. Niemand und nichts wird mich aus Deiner Hand reißen. Du bist größer als alles!“ So könnte ein solches Gebet (nach Joh.10,27-29) lauten. Diese „Öffnung nach oben“ brauchen wir morgens, wenn wir aufwachen -auf dem Weg zur Arbeit -wenn die Kinder aufgedreht sind -vor einem schwierigen Gespräch -bei schwierigen Entscheidungen -wenn innerer, großer Schmerz spürbar wird -in Krankheitszeiten -im Streß. So ist die Mahnung von Paulus richtig verstanden. „Betet ohne Unterlaß!“(1.Thess. 5,17 )

5. Gießkannen dürfen nicht ihre Schnauze (zu)halten!

Stellt euch vor: Ihr habt eure Gießkanne bis zum Rand gefüllt und wollt euren durstigen Pflanzen das lebenspendende Wasser zukommen lassen. Ihr neigt eure Kanne , aber es kommt nichts aus der Schnauze (Ich glaube so heißt das Rohr). Möglicherweise würdet ihr auf ‚Verstopfung‘ oder ‚Blockade‘ tippen und versuchen, diese zu beseitigen. Wäre diese nicht mehr aufzulösen, hätte die Gießkanne ihre Identität verloren. Was für Gießkannen normal ist, scheint für Menschen schwierig zu sein. Wenn ich mein ‚Gebetsleben‘ im gesamten anschaue, ‚halte ich viel zu oft die Schnauze‘ gegenüber Gott. Wenn ich die Art und Weise überprüfe, wie ich mit meiner Frau rede, ‚halte ich viel zu oft die Schnauze‘. Wenn ich an unseren Umgang miteinander in unserer Lebensgemeinschaft denke, bekomme ich manchmal das Gefühl, daß wir ‚zu oft die Schnauze halten‘. Ist es nicht belämmernd, festzustellen, daß die meisten Konflikte zwischen Kollegen oder Ehepartnern darin ihren Grund haben, weil nicht mehr miteinander geredet wird? Ist die ‚Sprachlosigkeit‘ in einem Hauskreis nicht lähmend für alle Teilnehmer? Ist es nicht erschreckend, daß unter Jugendlichen der gebrauchte Wortschatz zur Kommunikation von Jahr zu Jahr abnimmt? Jesus sagt: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“. (LK.6,15) Wenn das Herz, (die Gießkanne) leer ist, kommt nichts mehr aus der ‚Schnauze‘. Wenn das Herz voller Angst ist, fangen wir an, uns zu verschließen. Wir haben Angst, etwas falsch zu machen. Deshalb dosieren wir ‚unser Wasser‘, aber davon wird der ‚Durst‘ nicht gestillt. Wir haben Angst, zu kurz zu kommen. Wir sind voller Angst und Zorn. (Das geben wir meistens nicht zu.) Deshalb kommt, das was herauskommt, so heraus, daß es nicht ‚bewässert‘ sondern niederreißt und wegschwemmt. Dann erschrecken wir und halten die ‚Schnauze‘ bis zur nächsten ‚Überschwemmung‘.
Eine Gießkanne braucht das Vertrauen in die Verlässlichkeit des Erfüllers, dann wird sie stetig und gern ihr ‚frisches Wasser‘ auf das Durstige schütten. Wenn wir eingebettet sind im Vertrauen auf Gottes Erfüllung, dann werden wir bereit zur Verschwendung des ‚frischen Wassers‘.
Liebe wird vermehrt, wenn ich sie an andere Menschen verschwende. Freude wird wachsen, wenn ich sie mit anderen teile. Kraft wird strömen, wenn ich meine Ängste überwinde und Schritte wage. Gaben Gottes werde ich je länger empfangen, je mehr ich mit diesen Gaben anderen Menschen diene. (Jes. 58,7-11). Darin werden wir unsere Berufung und Identität entdecken (wie eine Gießkanne), daß wir unsere ‚Schnauze‘ öffnen zum Reden mit Gott und daraus bereit werden zum Dienen in Wort und Tat an Menschen.

6. Gießkannen müssen sich am Griff nehmen lassen!

„Ich habe alles im Griff!“ Solche Worte kommen mir gelegentlich über die Lippen, um meine Ängste und Unsicherheiten zu überspielen. Wir wollen die Kontrolle über uns selbst behalten. Sich selbst kontrollierende Gießkannen sind für den Gartenfreund ungeeignet. Gott sei Dank, daß Gott seine Gießkannen-Menschen liebt und eine große Geduld hat. Jesus hat das so formuliert: „Wer sein Leben lieb hat, der wird´s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt haßt (losläßt), der wird´s erhalten zum ewigen Leben“ (Joh. 12,25+26). Sein Leben loslassen in die Hand Gottes, sich hingeben an Gott, das ist für uns wie ein ‚Sterben‘ in unserer Selbstbestimmung. Wer dazu aber Ja sagt, dessen Leben gewinnt eine neue, einzigartige Erfüllung. Jesus hat es mit dem „Sterben des Weizenkorns“(Joh.12,24) verglichen. Aus diesem Hineingeben wächst überfließende Frucht. Jesus hat es vorgelebt. Er hat sein Leben für uns gegeben, damit wir mit ihm alles von Gott empfangen. Sich mit allem, was wir sind -mit unseren Gaben und Grenzen, mit unseren Wünschen und Ängsten, mit unserem Herz und Verstand- in die Hand Gottes zu geben. Das ist die höchste Erfüllung menschlicher Identität und Berufung. Daraus wächst Frucht, die in Zeit und Ewigkeit bleibt. Wir können an Menschen denken, wie Franz von Assisi, Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer oder Mutter Theresa. Das sind einige ‚große Heilige‘. Gott aber braucht die ‚kleinen Heiligen‘ genau so -Menschen, die sich im Vertrauen zu Gott mit ihrem Leben in seine Hand geben. „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ „Gebt eure Leiber zu einem Gott wohlgefälligen Opfer. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ Paulus schreibt dies an die Gemeinde in Rom. (Röm.12,1+2) Wer Gott dient, erfährt, daß Gott ihm schon lange zuvor gedient hat. Wer sich für Gott hingibt und einsetzt, erfährt die Hingabe Gottes und Einsatz für ihn selbst. Diesen Gießkannenmenschen wird es nie an Wasser mangeln. So können wir beten: „Herr, da hast du mich mit allem. Mache du etwas daraus zu deiner Ehre. Erfülle mich neu mit deiner Liebe und Kraft.“

7. Gießkannen brauchen eine Zuneigung zum durstigen Land!

Das Normale für Gießkannen ist, daß sie es zulassen, in Griff genommen zu werden, getragen zu sein, und sich dem durstigen Beet zuneigen zu lassen. Keine Gießkanne käme auf die Idee, sich dagegen zu wehren. Anders bei uns Menschen: Wir befürchten etwas zu verlieren, wenn wir Menschen mit Zuneigung begegnen sollen. Wir müssen erst sicher sein, ob der andere vertrauenswürdig ist. Oder wir haben schlechte Erfahrungen gemacht und schützen uns davor, ausgenutzt zu werden. Mir ist klar, daß ein wichtiges Thema in der Seelsorge ist, sich gesund abgrenzen zu lernen. Ich denke jetzt an Gießkannen, die das Gefühl haben, ständig und jedem es recht machen zu müssen und für jeden sich hinzugeben und aufzuopfern, also die ausgepowerten, ausgebrannten Hingabe-Typen. Gott will uns nicht in Überforderungen führen, sondern in eine gesunde Balance der Kräfte zwischen Rückzug und der Zuneigung. Gott will nicht Hingabe bis zum letzten Wassertropfen, sondern er nimmt uns in einen andauernden Prozeß von Erfülltwerden und sich hingeben können. Dazu braucht es Zeiten, wo wir vor Gott sein können, ohne schon wieder an das ‚durstige Land“ denken zu müssen. Wir müssen lernen (im Gegensatz zu Gießkannen), selbst darauf zu achten, daß wir in einem guten Rythmus bleiben von Erfüllung und Hingabe -Zeit für Gott und Zeit für unsere Aufgaben – Entspannung und Anspannung – Loslassen und Empfangen. Wir brauchen diese Balance im Laufe eines Tages. Wir brauchen sie in unseren Wochen – und Monatsabläufen. Wir brauchen sie als ausgegrenzte Stille Zeit, aber auch als ständig lebendige Haltung in alltäglichen Herausforderungen. Wir werden immer wieder Durst haben, aber wir dürfen (und müssen) kommen und trinken. Manchmal werden wir nichts davon spüren, daß wir empfangen haben. Dann werden wir im Glauben festhalten müssen daran, daß wir „Ströme lebendigen Wassers“ empfangen haben. Oft werden wir nicht merken, wie diese Ströme lebendigen Wassers uns durchfließen und von uns ausgehen, aber die Menschen um uns herum werden es merken. Entscheidend ist es, daß das Durstige in uns wie auch das Durstige bei anderen Menschen, bewässert wird von der Kraft und der Liebe Gottes, unseres ‚Erfüllers‘. Nicht der Pendelschlag des schlechten Gewissens zwischen Überforderung und Verweigerung soll unseren Rythmus bestimmen, sondern das Vertrauen auf die führende Hand Gottes, der uns nicht überfordert, sondern in unseren Herausforderungen begleitet. Gott wird uns nie etwas abverlangen, was er uns nicht schon zuvor gegeben hat. Wir sind es selber, daß wir überziehen und über das gesunde Maß hinaus uns dem durstigen Land verpflichtet fühlen.
Das gute Maß finden wir im Blickkontakt zum Vater-Gott. Im Schauen auf Christus, im Hören auf sein Evangelium. Manchmal brauchen wir auch dazu Menschen, die mit uns ihren Glauben teilen, die uns zuhören, die uns mit ihrem Rat helfen können, das gesunde Maß zu lernen. Oft genug sind wir selbst zuerst das durstige Land, das diesen Gießkannen-Dienst der anderen braucht. Dazu hat uns Jesus in die Gemeinde gerufen, damit dieser Dienst aneinander geschieht. Paulus beschreibt den Gießkannen-Dienst so (Eph.4,15-16): „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am anderen hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das andere unterstützt nach dem Maße seiner Kraft und Macht, daß der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe.“ Gießkannen praktizieren das Prinzip der ‚kommunizierenden Röhre‘ (Erinnerst du dich an den Physikunterricht?): Je mehr sie Wasser verströmt, desto mehr fließt Wasser nach. Je mehr Wasser zufließt, desto mehr Wasser kann verströmt werden.

Für uns Gießkannen-Menschen kommt es vor allem auf die Verbindung zum Zufluss (das Haupt Christus) an. Das ist das Geheimnis der guten Balance unserer Lebenskräfte.

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