von Martin Lorch, Quelltext #18
Ein vielleicht überraschendes Thema für manche. Versöhnt mit Menschen nach einem Streit – das können wir verstehen. Versöhnt mit Gott – ja, das ist ein Kernsatz des christlichen Glaubens, doch manchmal nicht so einfach zu verstehen. Aber mit mir selbst versöhnt sein – gibt es das? Ist das nötig?
Worum geht es dabei eigentlich?
Einige alltägliche Situationen können das Thema griffiger machen:
- Da will jemand, dass ich für ihn eine Aufgabe übernehme. Ich sage: „Ja, kein Problem, ich mach’s.“ Kaum gesagt, ärgere ich mich über mich selbst. Ich mache ja ständig was für andere Leute. Widerstreit der Gefühle. Warum kann ich nicht nein sagen?
- Ich bin Teilnehmer an einer Diskussionsrunde. Es werden Beiträge geäußert. Ich will etwas zu einer Sache sagen, aber ich spüre Hemmungen in mir. Ich habe das Gefühl, mich stark machen zu müssen, platze heraus, gebrauche starke Worte. Dann fühle ich mich ziemlich blöd und frage mich: Warum fühle ich mich jetzt nicht ernst genommen, ja geradezu unterlegen?
- Da stellt sich jemand täglich auf die Waage und ist unzufrieden. „Ich bin zu dick!“ sagt sie zu ihrer Freundin. „Ab morgen werde ich weniger essen.“ „Du?“ antwortet die Freundin, „Mensch, wenn ich deine Figur hätte.“
- Da lebt und dient jemand mit viel Hingabe in der Gemeinde. Ständig engagiert er sich für irgendwelche Aufgaben. Plötzlich überkommt es ihn: „Ich fühle mich ausgepowert. Warum machen die anderen nicht mit? Immer muss ich mich um alles kümmern. Ich steige aus, wenn das nicht anders wird!“
Diese Beispiele haben eines gemeinsam: Die Betroffenen sind innerlich zerrissen. Sie wollen etwas erreichen, scheitern aber darin und werden ärgerlich oder traurig; zunächst vielleicht über andere, dann aber über sich selbst. Sie sind mit sich selbst im Clinch. Die bekannten „zwei Seelen in einer Brust“ streiten miteinander und sind miteinander unversöhnlich.
Manchmal entlädt sich der innere Frust nach außen oder als Selbstherabsetzung nach innen. Wir können in Kreisläufe geraten, die sich steigern bis zur aggressiven Beziehungsstörung oder depressiven Selbstabwertung. Es geht also um die Frage nach dem richtigen Umgang mit sich selbst – humorvoll ausgedrückt so:
Jemand kommt ins Badezimmer, guckt in den Spiegel und knurrt das Gegenüber im Spiegel an: „Ah, da bist du ja endlich! Ich habe dich die ganze Zeit gesucht!“
Die Begegnung mit sich selbst, das ist doch eine Sache für die Psychologen von heute, oder? Steht nicht in der Bibel, dass wir unser Selbst verleugnen sollen?
Jesus sagt: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst.“ (Mt.16,24) Für mich war das ein wichtiges Thema am Anfang meines hauptamtlichen Verkündigungsdienstes.
In der Supervision der Aufbauausbildung verhandelte ich dieses Thema engagiert mit meiner Supervisorin. Sie fragte mich: „Was wollen Sie denn Jesus hingeben, wenn es Ihnen gelungen ist, Ihr Selbst zu verleugnen?“ Das schlug ein bei mir. Mir ging ein Licht auf: Im Vertrauen zu Gott geht es nicht darum, mein Selbst als etwas Schlechtes zu verdrängen oder zu unterdrücken, sondern mein Selbst bewusst als etwas von Gott Geschenktes an Jesus bzw. Gott wieder zurückzugeben und ihm zur Verfügung zu stellen.
Werfen wir einen Blick auf Jesus. Wie hat er es gelebt? Wie haben es die Augenzeugen überliefert?
Selbstliebe als Maßstab?
Genauso wie damals die Menschen vor 2000 Jahren fasziniert mich die Weisheit Jesu. Seine Botschaften, ja die ganze Heilige Schrift, wurden von ihm selbst in einem einzigen Satz zusammengefasst: Mit einem Grundsatz könnt ihr den Willen Gottes, der in den Heiligen Schriften (Gesetz und Propheten) offenbart ist, für euch gesund leben:
- Erstens: Liebe Gott von ganzem Herzen, Verstand und Willen.
- Zweitens: Liebe deinen Nächsten ….
- Drittens (meistens wird da genuschelt): …. wie dich selbst. (Mt. 22, 37)
Soll unsere Selbstliebe der Maßstab sein? Dies wäre sicherlich falsch verstanden, vor allem dann, wenn wir unsere Selbstliebe egoistisch übertreiben. Jesus meint wohl eher, dass die Liebe Gottes das Innerste unserer Persönlichkeit, also unser Selbst, durchdringen will, damit wir fähig werden, andere zu lieben. Deshalb fordert Jesus uns zu einer gesunden Selbstliebe heraus. Können wir dieses Gebot der Liebe ohne weiteres uns selbst – z.B. vor dem Spiegel – zusprechen und gelten lassen? Oder melden sich in uns Zweifel oder Schuldgefühle? Jesus lebt es seinen Schülern vor: Nichts ist uns berichtet, dass Jesus jemals an Gott gezweifelt hätte. Im Gegenteil, sogar in seinen schwersten Stunden – im Garten Gethsemane oder blutend und sterbend am Kreuz – bleibt er dabei: „ Abba, nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ und „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Mk. 14,36 u. Lk. 23,34).
Nirgends ist uns davon berichtet, dass Jesus in der Auseinandersetzung mit seinen härtesten Gegnern an sich selbst gezweifelt oder sich irgendwo selbst beschuldigt hätte, z.B. um die Gegner zu beschwichtigen.
Jesus lebte in einer einzigartigen Weise seinen Glauben an Gott, den himmlischen Vater – in Offenheit und Echtheit. Gerade in seiner positiven Grundeinstellung zu Gott, zu den Menschen und zu sich selbst war Jesus für seine Zeitgenossen faszinierend und kann es heute für uns sein.
Warum tun wir uns so schwer damit und fallen allzu leicht vom Pferd, reagieren mit selbstsüchtiger Selbstverteidigung oder mit Minderwertigkeitsgefühlen, die auch eine versteckte Form von Selbstsucht sein können?
Durch die Gaben, die Gott uns schenkt, könnten wir doch nach dem Vorbild Jesu eine positive Grundeinstellung (Urvertrauen) im Glauben leben.
Was läuft da in uns ab?
Schon von Kindesbeinen an erleben wir es als normale Voraussetzung, dass Erwachsene oder ältere Geschwister uns überlegen sind in allen Belangen, in Verstand, Wissen, Kraft, Fähigkeiten, Überblick usw. Daraus leiten wir unbewusst ab, dass wir „klein“ sind und deshalb minderwertig. Auf diesem Boden entwickelt sich unbewusst das Bestreben, uns immer so zu verhalten, dass wir Anerkennung bekommen; also freundliche Gesichter der Menschen um uns her, die uns Wohlwollen, Wertschätzung und Akzeptanz entgegenbringen. Erleben wir das im Übermaß, kann Verwöhnung entstehen, mit der wir als Erwachsene aber nicht gut zurechtkommen. Sie macht uns Angst, weil die Umwelt uns auf unserem Lebensweg durch das Konkurrenzdenken in Kindergarten, Schule und Beruf schnell das Gegenteil, nämlich Minderwertigkeit und Unterlegenheit vermittelt.
Andererseits kann es sein, dass wir in unserer Familie schon früh gefordert wurden und viel Verantwortung zu übernehmen hatten, weil ein Elternteil krank war. Oder wir mussten für die jüngeren Geschwister Verantwortung tragen. Dann haben wir innerlich mit Überforderungsgefühlen zu kämpfen, kommen uns immer vor, als müssten wir Schuhe mit zu großen Nummern tragen.
Wenn wir dann als Erwachsene in immer größere Aufgaben (Beruf) und Verantwortungen (Beziehung, Partner, Ehe, Kinder) hineingehen, sind wir verunsichert und können leicht in innere Zerrissenheit geraten:
Nach außen zeigen wir Stärke, nach innen fühlen wir uns unzulänglich. Daraus kann nun ein sich wiederholender Kreislauf entstehen:

Ein weiterer Kreislauf: Jemand entdeckt aus dem Mangel an Selbst seine „Schwachheit“ als „Werkzeug“ und setzt sie unbewusst ein, um beim anderen Anerkennung und Zuwendung zu erreichen.

In beiden „Kreisläufen“ bildet sich eine „geglaubte“ Identität heraus: “Ich bin abgelehnt. Ich bin schwach. Mich mag niemand.“
Und daraus können Schuldprojektionen entstehen.
Entweder: „Ich bin an allem schuld!“ oder: “Die anderen sind schuld, dass ich abgelehnt werde“.
Oder: “Die anderen sind immer besser als ich. Ich bin nichts wert.“ oder: “Ich werde es euch beweisen, dass ich besser bin als ihr!“
Schuldprojektionen auf andere oder sich selbst sind zunächst eigentlich „falsche Schuldgefühle“. Wenn sie aber nicht bewusst verändert und zurückgenommen werden, werden sie zur „echten“ Schuld. Ich bleibe dem anderen die Grundakzeptanz und Liebe schuldig.
Und ich kann mich nicht selbst lieben, mich nicht selbst annehmen, was sich wiederum negativ auf meine Beziehung zu mir selbst und zu Gott auswirkt.
Sein Selbst gewinnen oder verlieren?
Interessant ist, dass diese Haltungen schon in Jesu klassischer Gleichniserzählung von den beiden „verlorenen“ Söhnen (Lk 15,11 ff.) geschildert werden. Beide Kinder leben in einem Kreislauf der Minderwertigkeit.
Das wird aber erst in der Krise offenbar.
Der jüngere Sohn lebt seine Minderwertigkeit aggressiv aus. „Gib mir die Knete, Vater! Ich zeige dir, dass ich selbst groß bin. Ich will frei sein. Ich gehe meinen eigenen Weg.“ Erst als er in der Krise ist, erkennt er sich selbst: „Ich bin nicht einmal wert dein Sohn zu sein, sondern nur ein geringfügig Beschäftigter, der Kost und Logis erwarten kann.“
Der ältere Sohn ist zunächst scheinbar liebevoll angepasst.
„Ich tue alles was du willst, Vater! Ich gönne mir sonst nichts.“ Als der andere Sohn die versöhnende Liebe des Vaters empfängt, rastet er aus, weil er vergleicht und seinen Wert als „Liebling“ des Vaters gefährdet sieht. Keiner von beiden versteht, dass der Vater sie beide bedingungslos liebt und ihre Identität heißen könnte: „Herzlich geliebte, wertgeachtete Kinder des Vaters!“
Für Jesus ist klar: Gott ist der Vater schlechthin. Jedem Menschen wendet er sich in Liebe zu. Jesus schildert ihn als herzenden, küssenden Vater, der ein rauschendes Fest mit Musik und Tanz anberaumt für das geliebte heimgekehrte Kind. Dem Hallodri (so die Meinung des Bruders), der sich selbst abwertet, um seine Schuld zu tilgen, widerspricht der liebende Vater auf das Heftigste. Er gerät außer sich vor Freude und setzt ihn wieder ein in die volle Identität: „Du bist mein geliebtes Kind. An dir habe ich Wohlgefallen.“ Es ist dieselbe Identität, die der entspricht, die Jesus von seinem Vater zugesprochen bekommen hat als dem geliebten Sohn Gottes (Mk 1,11). Das Kind Gottes ist nun aus der Liebe des Vaters wie neu geboren. Das Festkleid ist wie ein Taufkleid, der Ring am Finger der Siegelring der Vollmacht, im Namen des Vaters zu handeln. Und die Schuhe sind die Ermutigung: „Steh auf, geh Deinen Weg und nimm Dein Land ein!“ Das ist Rehabilitation, ja noch viel mehr als die Einsetzung in den vorigen Stand der pubertären Vater-Kind-Beziehung. Das ist höchste Wertschätzung, erneuerte Identität und tiefste Liebe (Jes.43,1-6)
Du!
Du bist!
Du bist mein!
Du bist mein Geliebtes!
Du bist mein geliebtes Kind!
Das ist die Perspektive Jesu für die Menschen. Wer diese Liebe Gottes annimmt und glaubt, für den gibt es keinen Grund mehr, sich minderwertig zu fühlen und sich für seine Existenz zu entschuldigen. Er muss sich nicht mehr in Rebellion ständig durch verstärkende Worte und Handlungen selbst seinen Wert beweisen, erkaufen oder erkämpfen, oder sich gar durch ständige Selbstabwertungen die Liebe des Vaters verdienen.
„Gott versöhnte die Welt mit sich selbst durch Christus“ (2. Kor. 5,17-21), weil Gott selbst die inneren und äußeren Defizite unseres Lebens auf sich genommen hat, sei es selbst verschuldeter oder fremd verschuldeter Mangel. Die Versöhnung ist die heilsamste Botschaft, die die Welt jemals zu hören bekommen hat oder zu hören bekommen soll. Sie ist kein „Gotteswahn“, sondern Gottes Plan (Jes. 53, 10).
Gottes kreativste Kraft ist die Liebe. Diese Liebe zu empfangen und damit zu leben, ist die kreativste Kraft, die den Menschen in das verwandelt, was er nach dem Willen Gottes sein soll: ein Liebender, der aus Liebe in dieser Welt das Wesen Gottes sichtbar macht. Das ist die Grundlage für das eine Gebot Jesu von der Liebe (Joh.15, 9 -17): Antworte auf diese Liebe Gottes mit deiner Liebe zu ihm! Deshalb kannst du dich selbst lieben. Liebe die Menschen um dich herum! Wenn du dich selbst nicht lieben kannst, wie soll die Liebe dann durch dich hindurchfließen? Dein Liebesfluss wird keine Frucht (Joh. 15, 5 u.16) bringen, sondern an Verstopfung leiden!
Wie können wir als Versöhnte leben?
Das eine Gebot Jesu von der Liebe gibt uns die Richtung an.
Das Erste ist die Versöhnung mit Gott, sowohl wenn wir zum ersten Mal unser ganzes Leben mit Gott verknüpfen, als auch wiederholt, wenn wir als „gestandene“ Christen unsere inneren Blockaden wahrnehmen.
Das Zweite ist die Versöhnung mit mir selbst. Die Liebe Gottes zu mir muss ankommen in meiner Personmitte (Herz). Sie wird den Liebesmangel meiner Lebensgeschichte ausheilen. (Das wird häufi g „Innere Heilung“ genannt.)
Das Dritte ist die Liebe zum Nächsten. Sie kann und soll aus der Versöhnung ungehindert fließen: Ich empfange die kreative Kraft der Liebe Gottes, um damit meine Umwelt und meine Beziehungen zu gestalten, damit auch andere die Liebe Gottes erkennen und erfahren.
Daraus entsteht der Anreiz für andere, selbst ihr Leben mit Gott zu verknüpfen, Jesus nachzufolgen und aus der Kraft des Heiligen Geistes zu leben.
Darin bin ich wie ein Gefäß, z.B. eine Gießkanne.
Die Kanne empfängt das, was sie auf durstiges Land ausfließen lassen soll. Ein guter Gärtner wird seine Kanne immer randvoll machen. Logisch, nicht wahr?
Jesus sagt, wir sollen Leben in überfließendem Maß bekommen (Joh. 10,10).

Eine Gießkanne, die sich jetzt weigern würde (aus Angst oder Stolz?) ihre Schnauze zu öffnen, um alles Leben in sich abzusichern, würde ihre Identität, ihren Sinn, ihre Bestimmung verlieren.

Das Gegenteil: Eine Gießkanne, die ihre Schnauze nicht (zu)hält, sondern dem Lebenswasser freien Lauf lässt, bekommt Lebenssinn und neue Erfüllung. Wie Jesus sagte:
„Wer hingibt, der empfängt; der gewinnt Lebenserfüllung.“ (Lk. 6,38)

Alte, rostige, verbeulte Gießkannen dürfen anfangen, sich selbst zu lieben. Selbst einige mühsam geflickte Löcher werden sie nicht daran hindern, sich dem Gärtner in die Hand zu geben. Das durstige Land bekommt erfrischendes, lebenswichtiges Nass.
Die Frucht wird wachsen!
Fünf konkrete Schritte zur Versöhnung mit sich selbst
Die folgenden fünf Schritte sollen dazu anregen, diesen Prozess der Versöhnung mit Gott, mit sich selbst und mit den Menschen um sich herum zu vollziehen und ständig zu erneuern. Für manchen ist es hilfreich, diese Schritte mit Zetteln und schriftlichen Stichworten durchzugehen. Weiters können Gespräche mit einer seelsorgerlich erfahrenen Person des Vertrauens sinnvoll sein.
1. Mache dir bewusst, was mit dir los ist!
„Da bist du ja endlich!“ Tritt vor den Spiegel! Schau dich an. Wie denkst du? Was fühlst du? Welche Bilder hast du von dir selbst? Wo fühlst du dich zerrissen?
Wo spürst du deine Blockaden? Komm so, wie du bist, vor deinen Gott. So beginnt Hingabe.
2. Kläre dein Gottesbild
Mach dir bewusst, welches Bild von oder über Gott dich bestimmt. Entspricht es den biblischen Bildern von Hirte, Vater, Jesus – Lamm Gottes? Wohnt Gott im Geist in meinem Herzen? Erneuere dein Bild von Gott!
Nimm sein Bild in dein Herz!
Übung Gebetspyramide:
Meditiere die folgenden kurzen Sätze, vielleicht mehrmals am Tag. Stelle dir vor, dass Gott zu dir spricht:
Du!
Du bist!
Du bist mein!
Du bist mein Geliebtes!
Du bist mein geliebtes Kind!
Gib darauf deine Antwort mit denselben Sätzen.
Später kannst Du mit eigenen Worten ergänzen:
Du bist mein geliebter Gott!
Du bist mein Geliebter!
Du bist mein!
Du bist!
Du!
Oder bete Ähnliches in freien Gebeten mit eigenen Worten. Empfange darin die Liebe Gottes, die der Heilige Geist ausgießen wird in dein Herz! (Rö.5,5
Eine weitere mögliche Übung:
Die Empfangsbescheinigung des Glaubens heißt immer
„Danke, Herr, dass Du ….
Nimm dir täglich fünf Minuten Zeit, um auf einem Zettel oder in deinem Stille-Zeit-Tagebuch aufzuschreiben, wofür du dankbar bist. Versuche jeweils darunter deine Identität in Gott zu beschreiben und ergänze:
Deshalb bin ich …..
Mit diesem Gebet kannst du deine Identität in Gott klären.
3. Entsorge deine Lastschriften
Nimm drei Blätter, die du mit Stichworten füllen kannst, als „Lastschriften“ über die Liebesdefizite in deinem Leben. Schreibe darüber: Lastschrift gegen Gott, Lastschrift gegen andere, Lastschrift gegen mich selbst. Bleibe in der Gegenwart Gottes und lass die Gedanken der Klage, des Schmerzes, der Vorwürfe und der Schuldgefühle kommen und ordne sie entsprechend zu:
- Worin bist du von Gott enttäuscht?
- Wer ist an dir schuldig geworden?
- Was werfen dir andere als Schuld vor?
- Worin erkennst du deine eigene Schuld?
Schreibe die Stichworte auf die entsprechenden Lastschrift-Zettel. Lege diese Lastschriften Gott vor.
Wenn du ein einfaches (Holz-)Kreuz hast, lege da deine Lastschriften ans Kreuz Jesu (Kol. 2,14). Übergib deine Lastschriften mit einem Hingabegebet:
„Herr, ich komme zu dir, denn Deine Hingabe in Christus ermöglicht mir, dass ich dir alle Lastschriften meines Lebens hingebe. Ich danke Dir, dass Du mir erstattest, was mir in meinem Leben an Glaube und Liebe gemangelt hat, um das sein zu können, was ich in Deinen Augen sein sollte: Dein geliebtes Kind!“
Dieser Akt der Hingabe kann natürlich auch im seelsorglichen Zweiergespräch (im Sinne einer Beichte) mit bekennender Bitte und Zuspruch der Vergebung vollzogen werden.
Weil es um das Thema „Versöhnt mit mir selbst“ geht, ist es sinnvoll, ein weiteres Gebet als Akt der Vergebung sich selbst gegenüber anzuschließen:
„Herr, ich will mich lieben, weil du mich liebst. Ich will mich annehmen, wie ich bin, weil du mich so angenommen hast. Deshalb will ich mir meine Selbstvorwürfe und Selbstanklagen vergeben und sie loslassen, weil Du mir vergeben hast. Ich will meine neue Identität in Dir als geliebtes, wertgeachtetes und geschätztes Kind annehmen und lernen, in dieser neuen Identität zu leben und zu wachsen. Ich will mich mit meinen Gaben und Grenzen neu annehmen. Ich danke Dir für Deine Liebe!“
4. Verändere dein Handlungskonzept
Weil ich eine neue Identität von Gott empfangen habe, bin ich so frei, meine Verhaltensmuster, meine Bestrebungen und Vermeidungen zu überprüfen und entsprechend zu verändern (2. Kor.5, 17, Eph. 4, 22-24). Dazu können mir die drei folgenden Überlegungen helfen: Ich überlege mir eine aktuelle Situation (Konflikt, Krise, Entscheidung, Problem?) und versuche, die drei Fragen zu beantworten. Je konkreter die Antworten desto besser:
a) Wie bin ich bisher damit umgegangen?
Was waren meine Ziele? Mit welchen Vermeidungen habe ich bisher reagiert? Warum bin ich nicht weiter gekommen?
b) Wie könnte ich meine Ziele ändern?
Welche Anregungen ergeben sich aus dem, was ich als Willen Gottes für mich erkenne? Was will ich in meiner neuen Identität (als geliebtes Kind in Gott) jetzt erreichen? Wie könnte ich meine Vermeidungen überwinden? Was könnte mir dabei helfen?
c) Ich erstelle ein Handlungskonzept:
Ich nehme mir ein Ziel vor und erarbeite kleine, überschaubare Schritte. Dabei ist es hilfreich, zu jedem der vier Schritte jeweils ein oder zwei Sätze aufzuschreiben:
- Fühlen: Ich fühle mich im Moment …….
- Denken: Ich denke so darüber …….
- Wollen: Ich will dabei erreichen …….
- Handeln: Ich beschreibe mit Situation, Inhalt, Aufgabe und Zeitplan meine angestrebten Schritte, die ich dann versuche umzusetzen.
Zum Abschluss lege ich Gott meine 4 Punkte vor und bitte ihn im Gebet um Unterstützung:
„Herr, ich vertraue Dir neu. Deshalb vertraue ich mich Dir an. Herr, ich will mich trauen, das …… und das ……. zu verändern. Gib mir dazu deine Gaben und deine Kraft, vor allem aber den Glauben, an dir festzuhalten und die Liebe, meine neue Identität zu bewahren und zu bewähren. Ich bitte dich konkret um….“
5. Verändere deine Anschauung!
„Im Anschauen deines Bildes, da werden wir verwandelt in dein Bild.“ So heißt es in einem Lied der Jesus-Bruderschaft Gnadenthal. Dieser Vers bezieht sich auf 2. Kor.3, 17+18. Dort lesen wir, dass diese Verwandlung aus der Kraft der Begegnung mit Gott als dem Heiligen Geist geschieht. Wenn wir Gott bzw. Jesus im Glauben anschauen, wie er handelt, liebt oder gelebt hat, kann sich unser Selbstbild nach dem Bild Jesu verwandeln.
Jesus war aber nicht der Supermann, der Alleskönner und Allesmacher. Der Geist ist ein Geist der Freiheit.
Deshalb werden wir befreit von unseren alten, mit Schmerz und Trauer eingeprägten Anschauungen über uns selbst. Wir können unsere neue Identität in Gott erkennen, dass wir herrliche, von Gott zur Freiheit berufene, begabte Menschen sein dürfen, die auch in ihren Grenzen (der Fähigkeiten und Kräfte – oder durch Krankheiten und andere Einschränkungen) aus der Gnade Gottes leben können, wie Paulus schreibt (1.Kor. 15,10): „Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade ist an mir nicht vergeblich gewesen.“
Versöhnt mit sich selbst sein heißt auch, gelassen und fröhlich mit den eigenen Unzulänglichkeiten umgehen zu können und auch darin Gott zu ehren. Versöhnt mit sich selbst sein schließt die Aussöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte in Freude und Leid mit ein.
Ich muss mich nicht mehr voll Selbstmitleid bedauern, sondern bin dauernd von Gott geliebt. Das ist ein gesundes, gutes Selbstbewusstsein, mit dem wir unseren Lebensweg gehen und unsere Berufung in Gott leben können.
Leichter gesagt als getan?
Nach dem „Amen“ unserer Gebete kommt das „Ahnen“, dass die Veränderung uns nicht „leicht fallen“ wird.
Oder es kommen alte Gefühle hoch, dass ich fürchte, wieder „leicht zu fallen“. Es scheint dann wieder alles beim Alten zu sein.

Für Gott ist das kein Problem, es sei denn, wir stehen nicht wieder auf und wollen lieber liegen bleiben. „In Christus sind wir neu geschaffen. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden!“ (2.Kor.5,17).
Das gilt ganz besonders in unseren Niederlagen und unserem Scheitern. Das Geheimnis geistlichen erfüllten Lebens aus Gott liegt nicht darin, alles recht und möglichst perfekt hinzukriegen, sondern als mit Gott Versöhnte und Vertraute in allem, was uns widerfährt – auch in Niederlagen, Scheitern und Sünde – Gottes gnädige und barmherzige Gegenwart zu erkennen und Gott darin zu loben. Das ist unsere Bestimmung.

Deshalb ist es wahr: „Denen die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen.“ (Rö.8,28). Das bedeutet aber auch: Wenn ich mal wieder innerlich hin und her gerissen bin und mit mir selbst im Clinch liege, darf ich unter der gütigen Anleitung des Heiligen Geistes wieder neu anfangen. Das hat auch Paulus als väterlicher Seelsorger einem Bischof in seiner Krise geschrieben, dem Timotheus in Ephesus:
„Entfache die Gabe, die in dir ist durch das Auflegen meiner Hände. Denn Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“
(2.Tim. 1, 6+7)
Überfließend leben
Ein Letztes: Wer sich in der Begegnung mit Gott selbst neu begegnet und seine neue Identität in Christus erfährt, der kann erleben, wie sich seine bisherigen Grenzen erweitern. Jesus drückt es in einem Bild so aus:
„Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke.
(Joh. 7, 37+38)
Wer an mich glaubt – wie die Schrift sagt – von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.
Das sagte er aber von dem Geist (Gottes).“
Jesus hat nicht die Elite gewählt, sondern bedürftige, durstige, hungrige Menschen, die Sehnsucht hatten, in Gott ihren Lebensdurst zu stillen. Da sind wir genau richtig mit unserem Lebensdurst. Christus zeigt uns die Quelle, Gott, aus der wir unseren Lebensdurst stillen können. Gottes „Lebenswasser“ ist aber so, dass es überfl ießen will über unsere eigenen Bedürfnisse hinaus als Liebe zu anderen Menschen, als Glaube in eine orientierungslose Welt, als Hoffnung in eine Welt voller Ängste. Die Gaben Gottes (1. Kor. 13, 13) wachsen durch verschwenderischen Gebrauch. Jesus sagt:
„Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfl ießendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.“
(Lk. 6, 38)
Wer mit Gott und deshalb mit sich selbst versöhnt lebt, bekommt Mut, sein Maß zu erweitern und „verschwenderisch“ mit den Gaben Gottes zu leben.
