Gottes Seelsorge in Krisenzeiten
von Walter Schmidt
In den letzten Jahren gab es eine Flut von Büchern über den Heiligen Geist. Bei einigen dieser Veröffentlichungen hatte ich manchmal den Eindruck, der Heilige Geist ist dazu da, daß aus normalen, gewöhnlichen Christen so etwas wie christliche Superstars werden. Es ist wie im Märchen: Alles, was vorher schief lief, gelingt nun. Die Familie, die vorher das Aussprechen des Wortes Jesus verboten hat, kommt zum Glauben und ruft wie ein frommer Fanclub: Laß uns auch so werden wie du!
Nun will ich nicht behaupten, daß sich durch den Heiligen Geist Menschen und auch Situationen nicht verändern. Ich habe das auch erfahren – aber nicht als Knopfdruck-Methode, sondern auf einem langen schmerzhaften Weg durch Wüsten-Erfahrungen. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Erfahrungen mit dem Heiligen Geist und persönlichen Wüstenzeiten.
1. Die Wüste im Alten Testament
Die Bibel beginnt mit dem Satz, daß der Geist Gottes über dem Chaos „brütet“. Ein Rest dieses Chaos sieht das Alte Testament im Meer und in der Wüste enthalten. So wie die Schöpfung aus dem Chaos geschaffen wird, so führt Gott Einzelpersonen und sein Volk in Wüstenzeiten, um an ihnen zu arbeiten, Neues in ihnen zu schaffen und schöpferisch Verwandlungsprozesse in Gang zu bringen. Ich kenne keine Gestalt der Bibel, die nicht ihre Wüstenzeit hatte, in der sie „reif“wurde für das, was Gott durch diese Person Neues schaffen wollte. Wüste heißt natürlich nicht nur ein Leben zwischen Sand und Steinen ohne Wasser in der heißen Sonne. Wüste ist auch die Zeit Noahs auf der Wasserwüste in der Arche, umgeben vom Gebrüll, Gestank und Mist der Tiere. Wüste ist die Einsamkeit Abrahams nach seinem Aufbruch, das Suchen des verheißenen Landes. Wüste war auch die Zeit Jakobs bei Laban: 2×7 Jahre warten auf die Frau seines Herzens bei bester Verpflegung – und doch Wüste. Schauen wir uns die Personen, die bisher genannt wurden , etwas genauer an, dann sehen wir auf der einen Seite Wüstenzeiten, in die Gott eindeutig hineingeführt hat (Noah, Abraham), wir sehen aber auch andere, die sich durch eigenes Fehlverhalten, durch Schuld in eine Zeit der Dürre und des Leidens hineinmanövriert haben: Moses erste Wüstenerfahrung wird ausgelöst durch einen Mord. Aus dem Pflegesohn des Pharaos wird ein Schäfer ( was in der Bibel nichts heißt, denn dort hat so mancher Schäfer noch Karriere gemacht!). Jakobs Wüstenzeit bei seinem Onkel Laban ist die Folge seines Betruges an seinem Bruder Esau.
Unsere Wüstenzeiten, vielleicht haben wir gerade zur Zeit eine, sind sie fremd- oder selbstverschuldet? Auch wenn sie durch eigenes Fehlverhalten zustande kam, an Mose können wir sehen, wie die Wüstenzeit bei Jethro in die Gottesbegegnung am Dornbusch führt. Sie ist Vorbereitung für seinen großen Auftrag und für die 2. Wüstenzeit, die er als Führer mit dem Volk Israel durchstehen muß.
Wir sind dann in einer Wüstensituation, wenn wir nicht mehr ein noch aus wissen. Entweder auf einem Lebensgebiet oder auf mehreren. Aber auch das Scheitern in nur einem Lebensbereich wird sich immer auf die anderen Bereiche auswirken. Das Scheitern im Beruf wird sich auch auf die Partnerschaft, Kindererziehung, Freundschaften und Sexualität auswirken.
Wüste ist Lebenskrise. Dabei möchte ich an die Bedeutung des Wortes Krise im Chinesischen erinnern: dort bedeutet es Gefahr und Chance! Ich kann in einer Krise wirklich endgültig scheitern – oder neu aufbrechen. Dabei ist auch die selbstverschuldete Wüste nur ein Teil unserer Wirklichkeit. Der andere Teil ist das Kommen Gottes, die Wandlung der eigenen Verwundungen, die Läuterung der Schattenseiten unseres Lebens. Die Wüste kann lebensbedrohend werden und lebensschaffend. Beides ist drin! Wüste ist im Alten Testament Ort des Kommens Gottes und der Dämonen!
2. Wüste als Chance – was daraus werden soll
Die Wüstenzeiten sind wie Schwangerschaften, in denen ein Kind heranwächst! Die Wasserwüste Noahs und das Leben in der engen Arche enden in einem neuen Bund Gottes mit uns Menschen im Zeichen des Regenbogens. Nach 40 Jahren Wüstenzeit für Israel kommt das gelobte Land. Die 40 Tage Jesu in der Wüste enden mit dem Sieg Jesu über den Feind Gottes. Er hat die urmenschliche Versuchungen überwunden und kann nun in Vollmacht verkündigen und handeln. Johannes der Täufer muß in die Wüste, damit der Messias kommen kann. Seine Wüstenzeit erfüllt sich in dem Heroldsruf: „Siehe, das ist Gottes Lamm!“ Nach 14 Jahren Wüste bei bester Verpflegung ist aus dem Betrüger Jakob eine Persönlichkeit, ein Gottesstreiter (Israel) geworden, der seine Identität nicht mehr sucht in dem, was er hat („zwei Herden bin ich geworden“), sondern ungeschützt, ehrlich und offen seinem Bruder begegnen kann. Aus Vaters Liebling und Angeber Josef wird der Vizekönig Ägyptens, der mit seinen Gaben nicht mehr angeben muß, sie vielmehr als Gottesgabe erkannt hat und eine Hungersnot bewältigt. Aus einem verwöhnten, im Jähzorn zum Mörder gewordenen Mose wird der Freund Gottes, der in Geduld und Leiden für sein Volk vor Gott einsteht und es führt.
Für Israel und die Kirche ist eine Wüstenzeit vergleichbar mit einer Schwangerschaft, in der eine neue Phase der Geschichte Gottes mit ihr beginnt. Im persönlichen Bereich ist sie eine Zeit, in der Gott mit seinen Leuten harte Persönlichkeitsarbeit treibt – Arbeit am Charakter! Am Ende der Wüstenwanderung soll ein Mensch stehen, der beziehungsfähiger ist gegenüber Gott und den Menschen. Ichstärke und Glaubensstärke, Leidensfähigkeit und Zivilcourage sind das, was unser Gott in Zeiten der Dürre, des Mangels und der Not in uns wachsen lassen will. Vielleicht wollen wir zur Zeit nur eines: raus aus unserer Wüste! Aber sind diese genannten Prozesse bereits in Gang gekommen? Oder gleichen wir doch mehr einem Kleinkind, das immer „ich will, ich brauche, Gott muß doch….!“ schreit?!
Sofortbefriedigung und Selbstmitleid statt Leidensfähigkeit, Duckmäusertum und Menschenfurcht statt Zivilcourage und Gottesfurcht, „ich brauche!“-Gebete statt „Dein Wille geschehe in meinem Leben!“
3. Wüstenzeiten beinhalten den Kampf des Heiligen Geistes mit unserem Ego
Es stellt sich die Frage: Braucht Gott für diese „Läuterungsprozesse“ denn unbedingt Zeiten in unserem Leben, in denen alles wüst und leer ist? Geht das nicht auch anders?
Machen wir uns klar: Wenn der Heilige Geist in unser Leben kommt, dann heißt das Kampf mit unserem Ego. Unser „Ich“ will immer hoch hinaus: Karriere, Sicherheit im finanziellen Bereich, Erfolg, Bequemlichkeit und Macht. Der höchste Wert der Deutschen ist nach neuesten Umfragen zum ersten Mal seit Kriegsende persönlicher Lustgewinn auf allen Ebenen. Es muß also zum Kampf kommen. Denn der Geist Gottes will immer nur den Vater und den Sohn verherrlichen. Er will in unserem Leben Jesus-Ähnlichkeit bewirken. Dazu muß Gott uns anscheinend immer wieder in Zeiten der Wüste führen.
Was geschieht in dieser Kampfzeit?
a.- In der Wüste kommt Israel dem Wesentlichen auf die Spur und erkennt seine Lebenslügen.
Als der Druck – wir würden heute von Streß, Burnout und Frustration reden – des Pharao zu stark wird, entdecken sie neu den Schrei zu Gott. Das wird während der ganzen Wüstenwanderung so bleiben und ist für Israel und für uns wesentlich! Denn nie ist der Mensch so menschlich, als wenn er betet! Im Gebet bekennen wir, daß wir die Lösungen unserer Probleme nicht in der Hand haben. Unsere ganze Machbarkeit ist am Ende! Und damit die Lebenslüge Nr. 1, die besagt: Wir haben alles im Griff!
Eine Frau berichtet vom Bankrott ihres Mannes. Sie hatten beide vom Geschäftserfolg gelebt. Sowohl das Gespräch miteinander als auch das Gespräch mit Gott waren bisher kein Thema für sie. „Wir lernten jetzt miteinander und mit Gott zu reden. Der berufliche Zusammenbruch wurde zu einem Neuanfang ganz anderer Art!“
Was in unserem Leben in Gottes Augen nicht tragfähig erscheint, wird er in der Wüste zum Scheitern bringen! Dazu gehört in der Bibel oft das Abtrennen von ungesunden Bindungen: Jakobs Mutter hatte Jakob in einer ungesunden Weise an sich gebunden. Jakob mußte in die Wüste der Fremde, um ein Mann zu werden. Josef war in einer unguten Weise an seinen Vater Jakob gebunden. Josef mußte ebenfalls in die Fremde, sogar ins Gefängnis. Erst dort wurde aus dem Vatersöhnchen der Mann Gottes und Krisenmanager für Ägypten, der sogar am Ende seinen Brüdern unter Tränen verzeihen kann. Die vertrauensvolle Gottesbeziehung konnte anscheinend nur in der Abtrennung vom leiblichen Vater bzw. der Mutter in der Fremde geschehen. Geschieht auch in uns diese Abnabelung von Vater und Mutter nicht, wird unsere Gottesbeziehung immer infantil, also kindisch bleiben. Übrigens gelingen auch unsere Partnerschaften nicht, wenn diese Abnabelung nicht geschehen ist! Oder wir wiederholen die Fehler unserer Eltern. Abnabelung von Vater und Mutter ist wesentlich für unser Leben!
Wesentliches liegt oft auch im Kleinen, Unscheinbaren, was im Alltagstrott häufig übersehen wird. „Wasser und Brot“ – bisher selbstverständlich – werden in der Wüste für Israel zur Kostbarkeit. Aber auch für uns heute:
Ein junger Mann erkrankt an einer tödlichen Krankheit. Alles, was bisher die Pläne für sein Leben bestimmt hatte, verlor er. Bis unter unendlich viel Tränen und Schmerzen Neues in den Blick geriet und dem Leben wieder eine Grundlage gab: das einfache Dasein von Freunden und Verwandten, ein Lächeln, eine zärtliche Geste, miteinander Schweigen, der Blick in den Garten. Auch für die, die mit ihm die Krankheit aushielten, verlor an Wert, was früher unentbehrlich schien, während das Zeigen von Gefühlen, das offene Gespräch und die menschliche Nähe dem Leben eine bis dahin nie geahnte Tiefe verlieh.1)
Wüstenzeiten sind Erziehungszeiten zum Wesentlichen! Wesentlich ist für uns Menschen der Schrei des Gebetes und das echte, tiefe Gespräch mit Partnern und Freunden. Wesentlich für das Leben ist das Sehen der kleinen Kostbarkeiten des Alltags: das Brot auf dem Tisch, die Bewahrung auf einer langen Autofahrt, das Lächeln unserer Kinder, das aufmunternde Wort eines Menschen, das Blühen der ersten Frühlingsblumen…
b.- Die Wunder der Wüste
Es gibt keine Wüste ohne Wunder! Und gerade in der Wüste werden sie als Wunder erkannt. Denn nirgends strahlen die Sterne so hell als in der dunkelsten Nacht. Nur in der Wüste erlebt Israel das Mannawunder und das Wasser aus dem Felsen. Nur in der Wüste fliegen die Wachteln ihnen in Schwärmen zu. Nur in der Wüstengeschichte heißt es von Jesus: Und die Engel traten zu ihm und dienten ihm. Nur in der Wüste rührt der Engel den Elia an und nur dort müssen ihm die Raben dienen. Nur in der Wüste geht der Gott Israels als Wolken- und Feuersäule vor ihnen her. Jeder wird hier seine eigenen Wunder erleben und seinen persönlichen Engel bekommen. Ich erinnere hier an das Gedicht von R.O. Wiemer:
„Engel, es müssen nicht Männer mit Flügeln sein!“
c.-Das Kommen des Geistes
In 4. Mose 11, 10 ff erleben wir Mose an seinem tiefsten Punkt. Das Volk und er selbst sind am Ende. Er fühlt sich seinem Auftrag nicht mehr gewachsen. Todessehnsüchte stellen sich ein. Die Antwort Gottes auf die Klage Mose ist die Ausgießung des Geistes auf 72 Älteste. „Wie eine Kerze an einer anderen angezündet wird, so teilt sich Gottes Geist den Ältesten mit – ein Ur-Pfingsten.“ 2)
Bei uns kann das heute durchaus im einsamen Gebet geschehen. Es wird aber in der Regel so sein, daß Gott dazu einen anderen benutzt. Ein Bekannter berichtet mir, wie er in einer schweren Lebenskrise, in der sich auch der Leib mit schweren Störungen meldete, ein gelesener Bibelabschnitt im Gottesdienst alles veränderte. Bei mir war es immer die persönliche Beichte, die anschließende Segnung unter Handauflegung, die neues geistliches Leben hervorbrechen ließ. Der Weg zu einem Mitchristen, der mir zum „Christus“ wird (Bonhoeffer), den muß ich aber alleine gehen, den kann mir niemand abnehmen.
Gott gibt seinen Heiligen Geist nicht als „Genußmittel“. Die 72 Ältesten werden zu Mitträgern der Leiden des Mose. Sie werden ebenfalls zu Hoffnungsträgern für das gelobte Land. Nicht das spektakuläre Geisterlebnis ist die Mitte der Geistbegabung, sondern die Ausrüstung zum Mitleiden, Mithoffen und Mitglauben. Das gilt auch für uns heute! Gott gibt seinen Geist nicht, damit wir spektakuläre Erlebnisse haben, sondern um seinen Willen in unserem Leben voranzubringen. Unsere Sprache verrät uns hier oft. Wir fragen: „Wie bekomme ich mehr Heiligen Geist?!“ Aber das ist nie die Frage. Richtig muß es heißen: Wie bekommt der Heilige Geist mehr von mir? Welche Taue muß ich kappen, damit mein Lebensschiff die Anker lichten kann, um die Horizonte des Reiches Gottes anzusteuern? Was hindert in meinem Leben das Blähen der Segel? Welche Schlacke muß durch das Feuer der Wüste vom Gold geschieden werden? In den Wüstenzeiten unseres Lebens soll es also zu einer Verwandlung, Heilung und Stärkung kommen. Die Beziehung zu mir selbst, zu Gott, und zum anderen erfährt Veränderung und Vertiefung. Es scheint so, als ob ohne Wüste keine Offenheit für die Pläne Gottes in meinem Leben geschehen kann.
Quellen:
- 1) H. Fischedick: Von einem der auszog, das Leben zu lernen
- 2) H.F. Rabus: Zärtlichkeit und Zorn – Der Mann Mose
Walter Schmidt ist Gemeindediakon in Kochendorf / Bad Friedrichshall und Mitglied des Vereins für christliche Seelsorge und Erneuerung e.V., Elztalstr.4, 69427 Mudau
