Und wenn’s mal nicht weitergeht… #6

Ein Handlungskonzept für schwierige Zeiten

von Martin Lorch, Quelltext #6

„Ich habe mir vorgenommen… Und jetzt ist wieder alles beim Alten!“ – Wer kennt das nicht? Gute Vorsätze wurden gefaßt, aber nach einigen Wochen ist man wieder in das alte Fahrwasser geraten. Schlechte Gewohnheiten – Jetzt mache ich es wirklich einmal anders! Es dauert nicht lange und man resigniert wieder.

Nach einem Seelsorge-Gespräch war man motiviert und hat einen neuen Weg angefangen. Doch nach einiger Zeit ist man frustriert und sagt: „Es hat alles sowieso keinen Wert!“ Oft genug höre ich im seelsorgerlichen Gespräch: „Ja, das habe ich alles schon probiert. Aber es geht nicht.“ Oder es heißt: „Ja, ich weiß. Im Kopf ist mir alles klar, aber wenn ich in die Situation komme, dann ist schnell alles wieder dahin.“

Man könnte die Liste endlos mit Beispielen fortsetzen, die deutlich machen, daß das Thema ‚Verhaltensveränderung‘ eine schwierige Geschichte ist. Bei unseren Seelsorge-Tagen fühlten wir uns herausgefordert, den ratsuchenden Menschen, die zu uns kamen an dieser Stelle ein Handlungskonzept zu vermitteln, das wirklich in schwierigen Zeiten eine Hilfe sein kann. Dabei sind wir auf ein biblisches Beispiel gestoßen: Auf die Geschichte des jungen Timotheus.

Ein Beispiel „väterlicher“ Seelsorge

In Apg. 16, 1 ff begegnen wir Timotheus zum ersten Mal. Dort beruft Paulus einen Mitarbeiter, der nach der ersten Missionsreise des Paulus dort wohl zum Glauben gekommen war: Ein Sohn einer gläubigen jüdischen Frau und eines griechischen Vaters, der offensichtlich nicht gläubig war. Timotheus hatte sich in der Gemeinde schon bewährt, und so war Paulus froh, einen jungen Mitarbeiter zu gewinnen, der das Missionsteam des Paulus verstärkte.

Timotheus machte eine Bilderbuchkarriere und war nach einiger Zeit der wichtigste Mitarbeiter des Paulus. Paulus investierte sehr viel in diesen jungen Mitarbeiter.Paulus war für Timotheus ein ‚geistlicher‘ Vater, ein Lehrmeister und Mentor. In der Apostelgeschichte und in den Briefen des Paulus wird immer wieder berichtet, daß Timotheus ein engagierter ‚Reisebruder‘ war, der die Gemeinden in Kleinasien betreute. Als junger Mitarbeiter wurde er dann als Gemeindeleiter in der Gemeinde von Ephesus eingesetzt.

Wenn wir nun die Briefe lesen, die Paulus an den jungen Timotheus geschrieben hat, können wir ein Problem entdecken. Im 1. Timotheus-Brief will Paulus dem jungen Timotheus beistehen, weil einige Auseinandersetzungen in der Gemeinde ablaufen. Paulus gibt dem Timotheus viele Ratschläge, und im Kapitel 4 lesen wir u.a., daß Timotheus auf seine Gabe achten soll und wird ermutigt, mit seinen Ga-ben den Schwierigkeiten zuversichtlich zu begegnen.

Im 2. Timotheus-Brief kommt das Thema nicht mehr erst in Kapitel 4, sondern gleich am Briefeingang vor. Wir können daraus entnehmen, daß sich die Problematik verschärft hat (2. Tim. 1, 3-8). Wir bekommen einen Einblick in die Seelsorge des Paulus, der als geistlicher Vater den entmutigten Timotheus aufbauen möchte. Paulus teilt ihm seine Anteilnahme mit, daß er an ihn denkt, ja sogar mit Tränen, und für ihn im Gebet eintritt.

Als Zweites erinnert Paulus den Timotheus an seine guten Wurzeln, nämlich an den guten Glauben der Großmutter und der Mutter des Timotheus. Auffällig ist hier, daß vom Vater nicht die Rede ist. Vielleicht können wir aus diesem schon erahnen, daß Timotheus aus der Verletzung eines Vaters, der mit ihm nicht den Glauben teilt und aus der Unsicherheit zwischen einer jüdischen und griechischen Lebensweise seiner Familie nicht in der Lage war, ein gesundes Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen zu entwickeln. Und so hören wir von Überforderungsgefühlen, von Tränen, die Timotheus weint, von Selbstzweifeln des Timotheus an seinen Gaben und an seiner Berufung, von Konflikten mit Irrlehrern und mit der älteren Generation in seiner Gemeinde. Paulus bezeichnet diese Gefühle als Auswirkung eines Geistes der Furcht (andere Übersetzungen: Verzagtheit).

Der Geist der Verzagtheit führt in Niederlagen

Können wir uns nicht sehr gut mit Timotheus identifizieren? Vielleicht haben wir auch gute Vorstellungen und gute Gedanken darüber, wie wir im Glauben leben können? Vielleicht sogar, daß wir auch eine Berufung erkannt haben, daß wir unsere Gaben einbringen wollten? Daß wir in Konflikten drinstecken und uns vorgenommen haben, sie konstruktiv zu lösen? Und dann erleben wir, wie wir an unsere Grenzen kommen; wie Blockaden in uns wirken; Ängste auftauchen, die sich steigern – bis wir in Selbstzweifel kommen und uns überfordert fühlen.
Kennen wir ihn nicht, diesen Geist der Verzagtheit, der uns die Kräfte raubt; der uns lähmt, das zu tun, was wir eigentlich können; der uns den Mund verschließt, wenn wir irgend etwas sagen sollten; der uns dazu bringt, daß wir uns in irgendwelche Verhaltensweisen zurückziehen, die uns vor Blamagen, vor Überforderung, vor Verletzungen schützen sollen?

Und so treten wir den Rückzug an, planen den Ausstieg und sind resigniert. Resignation bedeutet nach dem lateinischen Ursprung: „Ich nehme mein Zeichen, mein Signal zurück. Ich gebe das Feld preis; ich kapituliere, ich habe eine Niederlage erlitten; ich bin ein Versager“. Und dann sagen wir solche Sätze: „Siehst du, es hat schon wieder nicht geklappt!“ Oder: „Es hat alles keinen Wert!“ Oder: „Immer muß mir dies passieren!“ Oder es kommen solche „Ich bin“-Sätze, wo wir uns wenig schmeichelhafter Attribute und Eigenschaften bezichtigen.

Sich dem Geist Gottes öffnen

Paulus aber sagt nun: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Wir können nun sagen: „Ja, Paulus, das wissen wir, aber wie kann denn das wirklich gehen? Wie wird das ganz konkret und praktisch umgesetzt?“

Achten wir einmal darauf, welche Begriffe Paulus gebraucht. Zunächst einmal in Vers 6: Paulus schreibt: „Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, daß du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.“ Paulus erinnert Timotheus an seine Ordination – an die Einsetzung, als er unter Gebet und unter der Handauflegung der Ältesten zu diesem Dienst eingesetzt und gesegnet wurde. Paulus sagt: „Da ist etwas geschehen an dir. Da ist etwas in dich hineingelegt worden von Gott. Und daran mußt du dich erinnern.“ Paulus ge-braucht nun ein Wort, das nach Luther mit ‚erwecken‘ übersetzt wurde. Im griechi-schen Urtext heißt es ‚entfachen‘.
Paulus benützt ein Bild: Er denkt an einen Ofen, der Luftklappen zur Regelung des Verbrennungsvorgangs hat. Paulus sagt zu Timotheus: „In dir glimmt das Feuer, so daß es fast droht auszugehen. Und nun öffne die Klappen, damit Luft hereinströmt und das Feuer entfacht wird und hell auflodern kann!“

Luft – griech..: pneuma – hat auch die Bedeutung: Heiliger Geist, Geist Gottes. Paulus meint also: „Timotheus, laß nicht dieses erstickende Gas der Verzagtheit hineinströmen in dein Feuer, sondern diese Frischluftzufuhr des Heiligen Geistes.“
In Schwierigkeiten – Streß, Druck, Ängste, Verzagtheit -, sind wir versucht, unseren inneren Gefühlen nachzugeben und uns zu schützen. Damit schließen wir die Klappen.Wir halten den Mund oder ziehen uns zurück, sind wie gelähmt oder wie immer unsere Schutzstrategien heißen mögen. Wir sollen unsere Schutzstrategien erkennen und außer Kraft setzen – vor allem gegenüber Gott, gegenüber dem wirksamen, kräftigen Wirken des Geistes Gottes.

An anderer Stelle lesen wir bei Paulus im Epheser-Brief, Kapitel 5, 15-21 die Aufforderung von Paulus: „Laßt euch vom Geist erfüllen!“ Paulus führt einige praktische Hinweise an, wie wir in diese Erfüllung mit der frischen Luft Gottes hinein in unsere Schwierigkeiten erfahren können. Es ist die Rede vom „Loblieder singen“, vom „Singen im Herzen“, vom „Dank sagen“ als geistliche Therapie, ja sogar von der guten Zuordnung in die glaubende und heilsame Gemeinschaft derer, die an Jesus glauben.

Oder noch einfacher: Im Johannes-Evangelium gibt Jesus ein schlichtes Bild für die Erfüllung mit dem Heiligen Geist (Joh.. 7, 37+38). Jesus sagt:
„Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Jesus benennt vier einfache Schritte:

1) Durst haben

Also, wer in Schwierigkeiten ist und ‚Durst‘ hat, der ist prädestiniert dafür, die helfende Kraft Gottes zu empfangen.

2) zu Jesus kommen

Es geht um die richtige Adresse. Oft genug kommen wir zu irgendwelchen Menschen und erwarten von ihnen, daß sie uns jetzt zur Quelle werden und oft genug werden wir dann enttäuscht. Jesus sagt: „Ich bin die richtige Adresse! Komme zu mir.“

3) trinken

Trinken ist für uns Menschen ja keine große Geschichte. Wieviel mehr fällt es uns schwer, im Glauben einfach zu empfangen; unseren Durst Gott zu sagen, im Ge-bet und im Herzen zu beschließen, daß Gott wirklich unser Gebet hört und wirklich ein ‚Dankeschön‘ zu sagen und damit eine Empfangsbescheinigung auszustellen, daß wir empfangen haben.

4) Wer glaubt, kommt nun in eine Spannung zwischen dem, daß er glaubt, daß er empfangen hat und es noch nicht sieht; es noch nicht vor seinen Augen ist und er es noch nicht erfährt (siehe Mark. 11, 24).
Deshalb ist der Glaube die Haltung, die sich jetzt auch gegen den Augenschein auf Gott richtet und wartet: in Hoffnung und Geduld auf das Eingreifen Gottes. Und die fast unfaßliche Wirkung des Glaubens: „… von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers ausgehen!“

Vielleicht es derjenige selbst der Letzte, der es merkt; die anderen werden es sagen:“So, wie du dich verhältst, das hat mir Mut gemacht.“ – „Die Worte, die du mir gesagt hast, haben mir geholfen.“ – „Diese kleine Handreichung, die du getan hast, die hat mich sehr bewegt.“ Und vielleicht können wir uns selbst dann gar nicht mehr erinnern.Also aus dem Geist Gottes zu leben, ist eigentlich einfach. Oder vielleicht doch nicht?

Noch einmal zurück zu Paulus:

Das Handlungskonzept der Furcht

Die Stufe der Gefühle

Wir gehen davon aus, daß wir uns eine Verhaltensveränderung vorgenommen haben. Wir haben ein Ziel ins Auge gefaßt und wir wollen im Alltag praktische Schritte gehen. Wir gehen fröhlich auf das Ziel zu. Wir setzen die ersten Dinge um und dann geschieht etwas, was uns an unsere alten Gefühle erinnert. Wir spüren unangenehme Gefühle. Wir können es vielleicht als Angst identifizieren. Wir werden erinnert, daß wir das schon einmal erlebt und schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und jetzt kommen wir ins Schleudern. Wir verlieren den Mut.

Dieser Vorgang ist so alltäglich und so normal, daß sicher jeder von uns reihen-weise Beispiele davon erzählen könnte. Dieses Verhalten, das wir gerne wirklich loswerden wollten, werden wir nicht los werden. Denn zunächst ist Angst einfach ein Gabe Gottes, womit wir uns vor Dingen, die uns schaden, schützen können.

Ein Beispiel: Angst ist eine Hilfe, wenn wir an einer stark befahrenen Straße an den Randstein treten und sie überqueren wollen. Dann werden wir innehalten, wenn wir sehen, daß ein großer Lastwagen auf uns zukommt. Angst ist also zunächst eine Strategie zum Überleben.
Angst kann aber auch ein Einfallstor des Geistes der Furcht sein. Angst verzerrt die Realitäten. Wir können nicht mehr so genau zwischen Wahrheit und „Irrglaube“ unterscheiden. Timotheus war ein begabter junger Mensch, aber er glaubte nicht mehr an sich selbst. Kein Wunder, daß sich hier ein Tor öffnen kann, für den „Un-Geist“ der Lüge und des Unglaubens.

Die Stufe des Denkens

Nun haben wir im Laufe unseres Lebens mit vielen Ängsten gelernt, uns vor un-angenehmen Dingen zu schützen und sie zu vermeiden. Das führt nun dazu, daß wir den Weg auf das Ziel zu zunächst einmal verlassen. Wir kommen in die nächste Stufe des Denkens. Nach dem Erschrecken der Angst fangen wir an zu denken und sagen: „Oh, das ist wieder dasselbe wie vorhin. Ich werde es sicher nicht können. Es hat sich nichts geändert.“
Und ohne, daß wir groß darüber nachdenken, sind wir auf einem Weg des Rückzugs. Wenn jetzt nun einer käme und uns fragen würde: „Ist dieses Denken richtig?“ hätten wir die Chance, darüber zu reflektieren. Aber in solchen Situationen kommt meistens niemand und stellt uns diese Frage, sondern wir kommen in Bruchteilen von Sekunden so ins Schleudern, daß wir zurückkehren. So bleibt es bei einer „Schein-Wahrheit“. Ich werde es nicht können.

Die Stufe des Wollens

Vom Denken kommen wir in die nächste Stufe des Wollens. Spätestens hier aber beginnt eine unbewußte Verdrängung. Wenn wir jetzt ehrlich wären, würden wir zu der Erkenntnis kommen: „Ich habe Angst. Ich glaube nicht, daß ich es kann, deshalb will ich es auch gar nicht mehr versuchen.“ Meist sind wir jetzt eben nicht so ehrlich, sondern wir sagen: „Ich kann nicht.“ Könnte es sein, daß in 60 % der Fälle, wo wir sagen: „Ich kann nicht“ eigentlich sagen müßten: „Und ich will nicht“? Ist unser Nicht-Können eigentlich ein Nicht-Wollen?

Die Stufe des Handelns

Kaum, daß wir diesen Satz gesagt haben, erkennen wir spätestens das Ergebnis in unserem Handeln. Wir sind jetzt in der Stufe des Handelns angekommen und tun das, was wir uns vorgenommen haben eben nicht! Und so landen wir gerade im Gegenteil, nämlich in einer Rückwärtskurve. Nun passiert folgendes: Wenn wir das wieder erleben – und vielleicht schon mehrmals erlebt haben oder es mehrmals hintereinander so erleben – ist es wie eine negative Verstärkung. Das begeis-ternde Feuer, etwas zu verändern, wird zu einem glimmenden Docht. Das Feuer erlischt. Der Geist der Verzagtheit wird zur erstickenden Frustration.

So ‚funktioniert‘ also der Geist der Verzagtheit. Es fängt an in unseren unange-nehmen Gefühlen, in unseren Ängsten. Wir kommen zu einem falschen Denken. Wir verdrängen unser Nicht-Wollen und wir landen in einem frustrierenden Nicht-Handeln.

Wir wollen uns jetzt aber die Wirkweise des Geistes Gottes, des Geistes der Liebe, der Kraft und der Besonnenheit anschauen:

Das Handlungskonzept des Heiligen Geistes

Die Stufe der Gefühle

Zunächst beginnt es wieder genauso wie beim ersten Beispiel. Ich habe mir ein Ziel vorgenommen und ich bin mutig auf einem neuen Weg aufgebrochen. Und jetzt passiert mir genau dasselbe wie vorhin. Ich empfinde in meinen Gefühlen genau wieder diese Erinnerung an die alten Verhaltensweisen, an die alten schlechten Erfahrungen. In mir taucht der Geist der Verzagtheit auf. Ich komme ins Schleudern.

Und jetzt ist schon das erste wichtig, daß ich die erste Klappe öffne – nämlich daß ich den Geist der Liebe jetzt hineinlasse. Unsere Ängste haben in aller Regel den Hintergrund, daß wir in unserer Lebensgeschichte in bestimmten Situationen eine schlechte Erfahrung gemacht haben, daß wir einen Mangel an Anerkennung, an Geliebtsein, an Geborgenheit erlebt haben. Die Angst ist jetzt eine Schutzhaltung, daß uns das ja nie wieder geschieht. Deshalb ist es nun ganz wichtig, daß wir diese Angst erkennen, daß wir sie in der Herkunft identifizieren und uns ganz bewußt an Gott wenden, und die Liebe des Vaters glauben. Wir halten daran fest, daß die erste Wirkung des Heiligen Geistes in uns ist, daß er die Liebe Gottes zu uns transportiert (Röm. 5, 5).

Ich erinnere mich an eine Situation, wo ich selber in meinem hauptamtlichen Dienst in eine große Überforderungssituation gekommen war. Ich war in großen Selbstzweifeln und suchte Gott, indem ich vor ihm auf den Knien lag und innerlich um Hilfe schrie.Ich erinnere mich noch, wie ich gebetet habe: „Herr, gib mir nur ein Wort!“ Kaum daß ich das Gebet beendet hatte, tauchte in mir dieses Wort aus Röm. 5, 5 auf: „Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“
Und sofort fielen meine ganze Last, meine ganzen Zweifel ab und es kam eine Geborgenheit, ein Trost, eine Gewißheit, ja eine Fröhlichkeit und ein tiefer Friede in mich. Mir war sofort bewußt, daß Gott meine Berufung im hauptamtlichen Dienst bestätigt. Die Gegenkraft gegen den Geist der Verzagtheit also ist diese bedingungslose Liebe, die Gott uns durch die Versöhnung in Christus geschenkt hat (Röm. 8, 31-39).

Die Stufe des Denkens

Nun ist es aber auch bei mir nicht so, daß es jedesmal so einfach geht. Oft genug erlebe ich, wie diese Gefühle der Angst nicht einfach weichen, sondern zunächst einmal kräftig wirksam bleiben. Deshalb ist es wichtig, die zweite Klappe zu öffnen: Gottes Geist der Besonnenheit hereinzulassen. Es geht jetzt also um die Stufe des Denkens. Ich soll darüber nachsinnen, was eigentlich Wahrheit ist. Manchmal hilft es ja schon, sich einfach zu überlegen: „Wie sieht denn Gott meine Situation? Wie würde er darüber reden? Was würde Jesus dazu sagen. Oft genug genügt es, diese Dinge, die ich im Moment selbstverständlich als schwierig empfinde, zu hinterfragen.
Es hilft zu sagen: „Daß es schwer ist, ist richtig. Aber es ist nicht die Wahrheit, daß ich deshalb gehindert werde, dieses oder jenes zu tun.“ Oft genug ist unser Verhalten des Rückzugs und der Verzagtheit von einem falschen Denken geprägt, das ich mir im Laufe meines Lebens angeeignet habe. Deshalb brauche ich an dieser Stelle ein Gedanken-Training.

Die Hauptbotschaft Jesu war immer wieder: „Tut Buße! Denkt um! Überprüft euer Denken und kommt aus einem guten Denken über die Wahrheit Gottes zu einer guten Umkehr in ein richtiges Verhalten.“ (Buße=griech.. Metanoia=Um-Denken).

Jesus sagt:

„Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!“

(Joh. 8, 31-32)

Der Geist Gottes der Besonnenheit wird uns ‚in alle Wahrtheit leiten‘ (Joh. 16,13). Vielleicht hilft es in dieser Situation einfach eine Verheißung aus der Bibel zu neh-men und festzuhalten und zu einer neuen Aussage zu kommen (wie z.B. Paulus in 1. Kor. 15,10). Nicht mehr zu sagen: „Ich glaube, das kann ich nicht“, sondern: „Ich will es versuchen – mit der Hilfe Gottes“. Auch gegen unsere innersten Gefühle von Ängsten und Zweifeln müssen wir uns für die Seite Gottes entscheiden.

Die Stufe des Wollens

So kommen wir in die nächste Stufe, daß wir die Klappe öffnen und den Geist der Kraft hereinbitten. Die Kraft Gottes will uns in den Glauben hineinziehen. Im Grunde ist Glaube jetzt diese willentliche Entscheidung für die Wahrheit Gottes. Glaube ist also nicht Gefühl und nicht nur Gesinnung, sondern es ist Willensentscheidung. Wir sind jetzt also in der Stufe des Wollens.
Wir brauchen nun keine Glaubenshelden zu spielen, sondern es genügt, daß wir sagen:

„Ich spüre es, es fällt mir schwer. Ich habe Angst, aber ich glaube.“

So, wie es der Vater des kranken Jungen gemacht hat, der gesagt hat:

„Ich glaube, Herr. Hilf meinem Unglauben!“

(Mk. 9, 24)

Manchmal genügt es, wenn wir sagen:

„Ich werde es versuchen.“

Oder daß wir sagen:

„Ich will glauben.“

Häufig sagt Jesus nach einer Begegnung mit Menschen, die Gutes erfahren haben: „Dein Glaube hat dir geholfen.“ Deshalb ist es so wichtig, daß wir in solch schwierigen Situationen diese Klappe offenhalten und in diesem Glauben ausharren. Nun müssen wir aber diese Klappe offenhalten, denn nun kommt der schwierigste Punkt – nämlich daß wir jetzt, nachdem wir ein gutes Denken gelernt haben und wirklich von Herzen wollen, zur Umsetzung und ins Handeln kommen. So nüchtern aber ist Jesus, daß er den Glauben nicht von unserem Reden abhängig macht und von unseren Worten, die wir sagen, sondern daß Jesus auf das Verhalten achtet, auf das Tun (Mt. 7, 16-29).

Gut ist es, in dieser Haltung der Demut zu bleiben. Demut ist ja jetzt nicht diese zerknirschende, passive Haltung des Über-sich-ergehen-lassens, sondern gerade ein ‚Diene-Mut‘. Eine Haltung, die jetzt absieht von sich selbst – auch davon, daß man sich jetzt blamieren kann, wenn es nicht gelingt; davon, daß jetzt vielleicht etwas passieren könnte, das unangenehm ist, sondern daß ich nur noch auf Gott ausgerichtet bin, der mir beisteht mit dem Geist der Kraft. Daß ich jetzt also diese Klappen offenhalte, damit wirklich diese Kraft Gottes mir beistehen kann.

Eine weitere Hilfe war mir der Vers 26 aus Röm. 8:

„Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf.“

(Römer 8, 26)

Bisher hatte ich immer gedacht, daß ich einfach am Boden liege und darauf warte, bis Gottes Geist in mich hineinfährt und ich dann irgendwie aufgerichtet werde und dann mit irgendeiner Kraft, ich weiß nicht wie, irgendwelche Dinge tue. Kann das ein Grund sein, daß wir manchmal um die Kraft Gottes bitten – und es geschieht nichts?
Im Griechischen hat das Wort für ‚aufhelfen‘ noch eine andere Bedeutung: syn-anti-lambanomai = zusammen-gegenüber-aufnehmen. Wenn ich allein einen schweren Tisch mit einer Steinplatte wegtragen soll, werde ich es nicht schaffen. Wenn jetzt aber einer kommt und zu mir sagt: „Komm, wir packen zusammen diesen Tisch. Geh du da gegenüber hin. Wir nehmen ihn zusammen auf.“ Dann können zwei Personen einen schweren Tisch wegtragen. Oder: Ich mußte mit einer langen Leiter durch ein mehrstöckiges Treppenhaus in den 4. Stock, um dort etwas zu reparieren. Es war ein nicht ganz einfaches Unterfangen – vor allem deshalb, weil das Treppenhaus frisch tapeziert war und ich sehr bemüht war, mit keiner Ecke der Leiter eine Macke in die neuen Tapeten zu reißen. Das bedeutete große Konzentration und Anstrengung, die sperrige Leiter durch das enge Trep-penhaus hinaufzumanövrieren. Auf halbem Weg kam plötzlich mein jüngster Sohn auf mich zugesprungen und sagte: „Papa, au ja, ich helf dir.“ Als guter Papa willigte ich ein. Er ‚hängte‘ sich an das Ende der Leiter. Nun war es doppelt so schwer geworden, die lange Leiter durch das enge Treppenhaus hinaufzudeichseln. Kurz und gut: Schwitzend und schnaufend gelangten wir im 4. Stock an, und mein klei-ner Sohn baute sich strahlend vor mir auf und sagte: „Gell, Papa, ich habe dir gut geholfen!“ Als guter Papa antwortete ich: „Oh, ja, danke für deine große Hilfe.“ Dieses Erlebnis wurde mir zum Gleichnis dafür, wie der Geist mit uns umgeht. Ist es nicht so, daß wir manchmal meinen, wir müßten Gott beispringen? Und Gott schafft es dann trotz unserer Hilfe, die Dinge so hinzubekommen, daß es gut für alle Beteiligten wird? Wie können wir hinterher sagen, wieviel ich getan habe und wieviel Gottes Anteil war? Wir wissen es nicht!
Daraus können wir umgekehrt entnehmen, daß Gott, dem ’noch besseren Papa‘ (Lk.11, 13) viel daran liegt, daß wir mit unseren Fähigkeiten, Kräften, Möglich-keiten und Gaben uns einbringen – selbst wenn wir damit sogar Gott noch im Wege stehen. Gottes Kraft will sich durch unsere Person und unsere Gaben und Kraft“verleiblichen“ (Richter 6,14 u. 34).

Die Stufe des Handelns

So sieht die Stufe des Handelns aus: Gott will uns nun herausfordern, daß wir auch in schwierigen Situationen mit dem Teil, was wir können – und sei er noch so klein – uns hineingeben in diesen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Wir stehen hinterher staunend da und sagen:

„Es ist geworden! Ich hätte es nie gedacht. Es war erstaunlich, wie ich es schaffen konnte.“

Wir kommen in diesen positiven Effekt – nämlich der positiven Verstärkung. Ich bin ein Überwinder geworden. Ich habe zwar einen ‚Schleuderkurs‘ durchgemacht, aber ich habe den Schritt vollzogen. Ich bin einen Schritt auf dem Weg zum Ziel vorangekommen.Ich habe erfahren, daß nicht meine Gefühle zählen, sondern die Tatsache, daß ich den Glauben durchgehalten habe und zu einem guten Handeln gekommen bin. Unser Glaube wächst dort am meisten, wo wir nicht nur reden, sondern es wirklich tun.

Nun können wir uns in einer nächsten Situation, wo uns noch einmal der Geist der Verzagtheit erschrecken will, darauf berufen, daß ich es schon einmal geschafft habe. Ich werde es wieder schaffen – mit der Kraft und der Hilfe Gottes. So kann eine Freisetzung geschehen, daß wir nun innerlich erfahren, wie Gott dieses glimmende Döchtlein zu einem neuen Feuer entfacht. Wenn wir es 10, 20 oder 50mal geschafft haben, werden wir plötzlich merken, wie dieser Geist der Verzagtheit immer weniger die Möglichkeit hat, uns ins Schleudern zu bringen. Ja, wir werden uns sogar zurückerinnern und sagen: „Wie konnte ich eigentlich damals so verzagt sein.“ Wir wundern uns, oder noch besser, wir werden dankbar dafür, daß Gott wirklich dieser Beistand ist, der den Geist der Verzagtheit vertreibt und uns erfüllt mit Liebe, Kraft und Besonnenheit und wir unseren Weg gehen können und unser Ziel erreichen – auch wenn wir gelegentlich einen Schleuderkurs machen oder auch mal einen Umweg gegangen sind. Wenn wir bei Gott am Ziel angekom-men sind, wird er uns nicht nach dem Weg fragen, sondern er wird uns aufnehmen und mit uns ein Freudenfest feiern (Luk. 15,24). Wir können zufrieden sein und sagen: „Wir sind am Ziel!“ Das ist übrigens die griech. Bedeutung des Wortes ‚Vollkommenheit‘ = ans Ziel kommen (Luk.15,24).

Umsteigen auf das Handlungskonzept des Geistes Gottes

Wir haben nun diese beiden Handlungskonzepte gegenübergestellt. Das Gute daran ist, daß wir, wenn wir dieses Handlungskonzept der Verzagtheit durch-schleudern, in jeder Situation umsteigen können auf das gute Handlungskonzept des Geistes Gottes – durch ein schlichtes Gebet, durch ein einfaches Glauben-fassen, durch das Öffnen der Klappen zu Gott, der uns mit seiner ganzen Schubkraft beisteht: seiner Liebe, seiner Kraft und seiner Besonnenheit. Also: Nicht „die Klappe halten“, sondern im Glauben Gott bitten, mehr braucht es nicht, um an Gottes Kraftstrom angeschlossen zu sein.

Wir laden herzlich dazu ein, schwierige Situationen, Probleme, Sorgen, Nöte, was immer auch sein mag, mit diesen beiden Handlungskonzepten durchzuspielen. Natürlich werden wir dadurch nicht zu Alleskönnern. Es gibt in unserem Leben oft genug Grenzen, die wir nicht überwinden können. Aber auch darin gibt es genug Raum durch den Geist Gottes, daß wir in dieser bedingungslosen Annahme und Liebe Gottes, des Vaters leben können. Dann können wir auch in unseren Begren-zungen Ja sagen zu unseren Gaben und Gestaltungsmöglichkeiten und darin im Glauben leben.

„Darum …“, so fährt Paulus in seinem Brief an Timotheus fort (v. 8). Wir wünschen Ihnen dieses ‚Darum‘ des Glaubens und damit einen guten Aufbruch auf einen Weg, der zum Ziel führt.

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