Stark werden am inneren Menschen #2

Die Tiefendimension der heilsamen Liebe Gottes

von Martin Lorch, Quelltext #2

Ein junger Mann saß vor mir und redete sehr offen auch über Dinge, die ihn bedrückten, wo er versagt hatte und sich schuldig fühlte. Ich versuchte, ihm die liebende Zuwendung Gottes in Jesus Christus zu erklären und nahezubringen. Nach längerem Gespräch schlug ich ihm vor, ob er seine Schuld vor Gott bringen wollte, und ich ihm im Namen Jesu die Vergebung zusprechen könnte. Da brach es aus ihm heraus: „Weißt, du, andren mag Gott ja ihre Schuld vergeben, aber für mich kann das nicht gelten. Ich kann es einfach nicht glauben!“

Dieser junge Mann sprach aus, was manche Christen in der Tiefe ihres Herzens empfinden: Mir ist die Vergebung zugesprochen – aber ich empfinde, dass ich zu schlecht dafür bin. Ich will an die Verheißungen der Bibel glauben – aber in mir nagen die Zweifel, ob das mit dem Glauben nicht alles nur Einbildung und Selbsttäuschung ist. Mir ist zugesprochen: „Jesus hat dich angenommen“ – aber ich kann mich selbst nicht annehmen und quäle mich ständig mit Selbstvorwürfen. „Es steht in der Bibel. Das musst du jetzt halt glauben! Jetzt nimm es halt nicht so schwer.“ Solche Appelle nützen den Menschen wenig. Sachliche Argumente greifen nicht mehr. Das schlechte Gefühl bleibt. Woher kommt es, dass so viele Christen zwar viel vom Evangelium und dessen Auswirkungen auf unser Leben wissen, aber ihr Christsein so wenig befreiend erfahren?

Wir leben heute in einer vermehrt krank machenden Umwelt, die uns vor allem innerlich angreift und schädigt. Durch eine Flut von Einflüssen wird unser Denken negativ geprägt. Durch den Überfluss an Reizen werden wir verwöhnt und bekommen Schwierigkeiten, in den Krisen des Lebens zu bestehen. Immer weniger sind wir in der Lage, innere Verletzungen, die uns andere zugefügt haben, zu verarbeiten und darin zu reifen. Die Gefährdung unseres Christseins heute ist, dass wir nur von unserem Verstand und Denken her unsere Lebensprobleme angehen und uns zu wenig um den „inwendigen Menschen“ kümmern und den Bereich unserer Gefühle und Emotionen ausklammern. In unserer Seelsorge müssen wir wieder den Menschen mit seiner emotionalen Verarmung wahrnehmen und ihn dem Strom der heilsamen Liebe Gottes aussetzen. So werden Menschen auch in der Tiefe ihres Herzens und ihrer Seele heil. Der Schlüssel hierzu ist das Gebet:

„Ich beuge meine Knie, dass der Vater euch gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“

(Eph. 3, 14)

Weil es den himmlischen Vater gibt, der reichlich gibt, weil Christus in unseren Herzen wohnen möchte, weil die Liebe Gottes ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist (Römer 5, 5), deshalb können und dürfen wir beten. Wenn wir beten, rechnen wir mit dem umgestaltenden Handeln Gottes in unserem Leben, geben ihm Raum, bis in die tiefsten Schichten unserer Person hineinzuwirken. Gebet ist so immer wirksames, vollziehendes Geschehen (Einwurzelung).

I. Gestärkt werden – durch die Liebe Gottes

Jesus ist die Liebe Gottes in Person (1. Joh. 4, 9-10). Er sieht den Menschen in seiner ganzen Bedürftigkeit. Am Deutlichsten kommt das bei der Heilung des Gelähmten zum Ausdruck (Mt. 9, 2-8), wo Jesus demonstrativ die Sündenvergebung der Heilung des Gebrechens gleichstellt. Heil und Heilung gehören bei Jesus zusammen. Der Mensch soll als ganzer heil werden, d.h. in seinem negativ geprägten Geist, in seinen depressiven Gefühlen, an seinem leidenden Körper, in seiner gestörten Beziehung zu Gott, in seiner gestörten Beziehung zu anderen Menschen. In der Begegnung mit Jesus gewinnt die Liebe Gottes Gestalt.

In seinem Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk. 15, 11 ff) veranschaulicht Jesus in einzigartiger Weise die annehmende Liebe des warmherzigen Vaters. Der zutiefst gefallene und schuldig gewordene Sohn ahnt noch die Liebe des Vaters. Das bewegt ihn zur Umkehr. Er will dem Vater seine Schuld bekennen und selbst Sühne anbieten. Er bietet seine Kindschaft als Opfer an. Der Vater aber reagiert überraschend: Er herzt und küsst ihn. Er lässt ihn sein Schuldbekenntnis nicht ausreden und nimmt sein Opfer nicht an. Er lässt ein Freudenfest feiern und setzt den Sohn als seinen Stellvertreter ein (Festkleid, Schuhe, Siegelring). Solch einen liebenden, barmherzigen Vater haben wir als Gott, der sein Kostbarstes, seinen Sohn, dahingab, um uns heimzulieben (Johannes 3, 16). Das wissen zwar viele Christen, aber es erreicht ihr Herz und ihre Gefühle nicht. Deshalb braucht es dazu einen weiteren Schlüssel.

II. Gestärkt werden – die Vergebung Gottes annehmen und weitergeben

Unsere Versöhnung mit Gott ist keine subjektive, sondern eine objektive Tatsache (2. Kor. 5, 18-21). Entscheidend ist aber, dass ich subjektiv diese Vergebung für mich annehme und gelten lasse. So kann ich in der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes leben. Der Schalksknecht im Gleichnis Jesu (Mt. 18, 21 ff) hat dies zum Beispiel nicht begriffen. Er meinte immer noch, er müsse seine Schulden eintreiben, um seine Schuld bezahlen zu können, obwohl ihm seine Schuld erlassen worden war. Wir wissen um die Vergebung Gottes und trotzdem meinen wir, gut sein zu müssen, um vor den Augen Gottes bestehen zu können. Dabei schlägt unser Lebensgefühl durch, wie wir von Kind auf geprägt worden sind: Wenn ich gut bin, bekomme ich Anerkennung (von Eltern, von den Autoritäten, von anderen Menschen). Wenn ich als frommer Mensch dies auf Gott übertrage, heißt es in der Umkehrung: Weil ich nie (100%) gut bin, bekomme ich von Gott letztlich keine Anerkennung.

Ich weiß zwar rational, dass die Bibel das anders sieht, emotional aber ist mein Glaube negativ geprägt: Ich bin mit mir selbst unzufrieden. Ich erlebe Christsein als eine Summe von Forderungen, die ich eigentlich nicht erfüllen kann. Ich habe ständig ein schlechtes Gewissen. Meine Beziehung zu Gott ist gestört und damit auch meine Beziehung zu den Eltern und anderen Menschen. Ich bin ständig auf der Suche nach Anerkennung. Wenn ich sie nicht bekomme, klage ich an. Aus der Anklage wächst Ärger, aus dem Ärger Groll, aus dem Groll Verbitterung, aus der Verbitterung Gleichgültigkeit oder Aggression. Deshalb muss zur subjektiven Annahme der vergebenden Liebe Gottes noch ein weiterer Schritt hinzukommen: Die Liebe Gottes, die ich empfangen habe, muss nun hineinfließen in meine (gestörten) Beziehungen. Die empfangene Liebe muss als Vergebung weitergegeben werden (Vater unser!).

Wie ich die vergebende Liebe Gottes annehmend weitergeben kann, lässt sich in drei Richtungen konkretisieren:

  1. Vorwürfe gegen Gott zurücknehmen

Wenn wir von Gott Liebe empfangen haben, soll von uns Menschen Gegen-Liebe zurückfließen. Wenn ich nun das Gefühl habe, dass ich im Leben zu kurz gekommen bin oder zu wenig Liebe empfangen habe, fällt mir diese Gegen-Liebe schwer. Es stehen vielmehr unausgesprochene Fragen im Raum: „Warum hat Gott das Schlimme in meinem Leben zugelassen? Warum habe ich eine solche Jugend erleben müssen? Warum bin ich so geschaffen? Warum ändert sich nichts, obwohl ich bete?“ Als fromme Menschen unterdrücken wir natürlich diese Gefühle, weil wir wissen, dass Gott eigentlich nicht „schuld“ sein kann. Aber faktisch wird in unserem Verhalten erkennbar, dass wir Gott misstrauen und ihm den „Schwarzen Peter“ zuschieben. Wir glauben nicht mehr den guten Verheißungen der Bibel. Wir sind resigniert und singen unsere Klagelieder. Wir beten zwar noch, aber erwarten dann von Gott kaum, dass er unsere Gebete beantwortet und uns etwas Gutes gönnt.

Jesus führt uns in dem älteren Sohn (Lk. 15, 25 ff) einen solchen Menschen vor Augen. Da lebt einer fromm und gehorsam dem Vater gegenüber. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Und plötzlich bricht aus ihm der Zorn gegen den Vater heraus. Er sieht im Vater nicht den barmherzigen, liebenden Vater, sondern projiziert in ihn das Bild von einem strengen, willkürlichen, ständig fordernden Vater. Die Beziehung ist so gestört, dass der Sohn ins Abseits gerät. Wie kommt die Beziehung zu Gott wieder in Ordnung? Nur so, dass ich auf Jesus schaue und erkenne, dass in seiner Stellvertretung als hingebendes Opfer Gott meine ganze Lebenslast und Lebenszerstörung auf sich selbst geworfen hat und darüber sein „Es ist vollbracht!“ gerufen hat. In der Auferstehung des gekreuzigten Gottessohnes werde ich hineingeführt in die neue Gemeinschaft der Kinder Gottes. Darin erkenne ich, dass Gott nicht fordert oder verdammt, sondern liebt und schenkt (Römer 8, 28). Ich kann meine falschen Bilder über Gott zurücknehmen und kann neu die Liebe Gottes als die des barmherzigen Vaters erfahren, der mich herein bittet zur Mitfreude, zur Gemeinschaft mit ihm und dem „Bruder“. So fließt die empfangene Liebe als Gegen-Liebe zurück zu Gott und eröffnet mir neu den Weg zu anderen Menschen.

  1. Sich selbst vergeben

Gott sagt bedingungslos „Ja“ zu mir, so wie ich bin – brutto (Römer 3, 23-24)! Dem, wie Gott mich angenommen hat, darf nun meine Haltung zu mir selbst entsprechen. Ich kann nun auch „Ja“ sagen zu mir. Ich kann mich annehmen mit meinen Gaben und Grenzen (Ps. 139, 14). Zum Christsein gehört ein gesundes Selbstbewusstsein (1. Kor. 15, 9-10). Viele Christen aber können sich selbst nicht annehmen: „Ich bin nichts wert. – Auf mich kommt es nicht an. – Ich bin zu schwach. – Ich tauge zu nichts. – Ich bin nicht gut. – Ich habe es nicht anders verdient. – Ich habe schon wieder versagt.“ Achten wir doch einmal auf unsere inneren Dialoge, wie wir uns selbst bezeichnen: „Ich Esel …, ich Blödmann …, ich bin unmöglich …, geschieht mir gerade recht.“ Oder darauf, wie wir auf Lob reagieren: Können wir es annehmen ohne es herunterzuspielen? Warum kann ich mich nicht selbst annehmen – obwohl Gott mich angenommen hat? Manchmal bitte ich mein Gegenüber im seelsorgerlichen Gespräch, sich ausdrücklich selbst zu vergeben, um die Liebe Gottes für sich gelten zu lassen.

  1. Anderen vergeben

Ich möchte dies in einem Bereich verdeutlichen, der jeden Menschen betrifft: Die Beziehung zu den Eltern. Wie sieht meine Beziehung zu meinem Elternhaus aus?
Die Beziehung zu den Eltern ist eine starke Bindung, deren Ablösung als natürlicher Lebensvorgang schon im Trotzen der kleinen Kinder beginnt, in der Pubertät verstärkt erlebt wird (oft problematisch) und eigentlich in der Zeit zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr abgeschlossen sein sollte. Leider kommt es oft nicht oder nur ungenügend dazu. Einerseits kann eine starke Bindung an den dominanteren Elternteil eine Ablösung verhindern mit dem Ergebnis, dass der junge Mensch abhängig und unselbständig bleibt. Andererseits kann es den Eltern gegenüber zu einer starken Auflehnung kommen mit dem Ergebnis, dass ständig aus einer „Rebellion“ reagiert wird. Eine Ablösung mit dem Ziel des partnerschaftlichen Miteinanders wird dadurch verhindert. Zwar ist die räumliche Distanz (ausziehen von zu Hause) eine Hilfe für die Ablösung, aber in der Regel sind die Reaktionen auf die Eltern bereits verinnerlicht und kommen in Konflikten mit anderen Menschen zum Tragen (vor allem mit dem Ehepartner oder mit Vorgesetzten).
Zur Ablösung gehört nun wesentlich auch der Vorgang des Vergebens. Selbst die besten Eltern können ihren Kindern nicht nur Gutes tun und mitgeben. Selbst liebevolle Eltern werden an ihren Kindern in vielen Fällen schuldig. Ja, wer bemüht ist, jede Verletzung des Kindes zu vermeiden, wird gerade dadurch an seinem Kind schuldig werden. Diese Verletzungen und die Schuld der Eltern sind im Innersten der Kinder gespeichert und können jederzeit in bestimmten Situationen „hochkommen“ und zu negativen Reaktionen führen.

Ich kam z.B. mit einem jungen Mitarbeiter nicht klar. Sobald ich irgend etwas in der Mitarbeiterbesprechung oder in Bibelarbeiten sagte, „explodierte“ dieser junge Mann. Wir redeten ständig aneinander vorbei. Nach einigen Gesprächen sagte er zu mir: „Du erinnerst mich ständig an meinen Vater. Und ich habe entdeckt, dass ich in dir meinen Vater bekämpfe.“ Das Nachtragen der Schuld seines Vaters hatte die Beziehung zu mir gestört. Zur Wiederherstellung unserer Beziehung war nun nötig, dass er seinem Vater vergab, was dieser ihm angetan hatte. Das bedeutete für ihn, die Anklagen, Vorwürfe und Ansprüche gegen seinen Vater loszulassen. Das ist deshalb möglich, weil Gott in Jesus alles schenkt (Joh. 7, 37 ff; Joh. 10, 10) und Gott Erstattung verspricht, wo jemand zu kurz gekommen ist (Joel 2, 25; Ps. 23).

Habe ich von meinen Eltern zu wenig Liebe und Anerkennung bekommen, darf ich jetzt im Glauben erfahren, wie Gottes Liebe in meinem inneren Durcheinander von Schmerz, Enttäuschung, Groll und Niedergeschlagenheit den tiefen Frieden einziehen lässt. Was ich von meinen Eltern nicht bekommen habe, und was sie mir wohl nie mehr erstatten können, brauche ich jetzt nicht mehr anklagend fordern, sondern kann es mir von Gott schenken lassen. Meine Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung wird gestillt. Ja, wenn Gott gibt, gibt er überfließend (Joh. 7, 37).
Jetzt bin ich fähig, meinen Eltern zu vergeben, wo sie an mir schuldig geworden sind und mich verletzt haben. Es ist gut, dies stellvertretend vor einem Seelsorger zu vollziehen. Meistens ist es nicht hilfreich, diese Vergebung vor den Eltern auszusprechen, weil ihnen oft nicht bewusst ist, dass sie mich verletzt haben. Ich kann ohne ihr Wissen die Vergebung vollziehen, weil sie nicht durch Worte, sondern vor allem in meinen Taten der Liebe zum Ausdruck kommt. Manche sagen dann: „Meinen Eltern vergeben, das kann ich nicht, da ist noch zu viel Ungeklärtes zwischen uns!“ Vergebung ist nicht Sache des (eigenen) Vermögens, sondern ist Sache des Willens. Ich empfange von Gott seine vergebende Liebe und werde zum Kanal der Liebe Gottes für meine Eltern. Ich brauche nicht mit Auflehnung zu re-agieren, sondern ich kann agieren, d.h. die Beziehung zu meinen Eltern neu gestalten – in Freiheit und Liebe. Damit habe ich mich aus meiner Bindung abgelöst.

Was im Blick auf die Beziehung zu meinen Eltern gesagt worden ist, kann ich auch auf jeden Menschen anwenden, zu dem ich eine gestörte Beziehung habe. Diese Vorgänge gelingen meist nicht von heute auf morgen, sondern es sind Prozesse, die immer wieder zu vollziehen sind und jahrelang dauern können. Geheilte Wunden sind sichtbar an ihren Narben. Die Erinnerungen meiner Vergangenheit werden nicht ausgelöscht, aber sie verlieren ihren Schmerz. Meine Gefühle brauche ich nicht mehr als beängstigend zu unterdrücken, sondern ich darf sie zulassen und herauslassen zu Gott hin. Meine Seele kommt zur Ruhe und kann anfangen, Gott zu loben (Ps. 103, 1-5).

III. Gestärkt werden – durch heilsames Gebet

Ich möchte in neun Schritten den Vollzug des Gebets um „Heilung des inneren Menschen“ zusammenfassen. Ich kann ein solches Gebet selbstverständlich allein in der Gegenwart Gottes beten. Es hat sich aber gezeigt, dass es sehr hilfreich ist, dies vor und mit einem anderen (seelsorgerlich erfahrenen) Christen zu vollziehen, der mir auch immer wieder die Gültigkeit der Liebe Gottes und der Vergebung und der Heilung im Namen Jesu zuspricht (Mt. 18, 18-20; Apg. 9, 17).
Vieles, was wir erlebt und erfahren haben, mag uns im Moment nicht zugänglich sein. Deshalb sollten wir uns nicht solange „kneten“ bis etwas herauskommt, sondern warten, bis die verdrängten Gefühle und Erinnerungen von selbst „hochkommen“. Hilfreich ist es, dem Heiligen Geist zu erlauben, die Dinge ans Licht zu bringen (Joh. 16, 8-13). Somit ist es möglich, meinen Schmerz und Zorn Jesus gegenüber zum Ausdruck zu bringen und alle meine Lasten auf ihn zu legen (Mt. 11, 28; Jes. 53, 4-5). Der Prozess der Vergegenwärtigung wird oft als Abtragen von „Schichten“ erlebt, so dass das Gebet um das „Heilwerden am inneren Menschen“ öfter zu vollziehen ist. Dabei geht es nicht um Wiederholung, sondern um das Erfahren der Liebe Gottes in einer immer tieferen Dimension.

  1. Vergegenwärtige Dir Deine schmerzhaften Erinnerungen und Erfahrungen
    Wo sind in meinem Leben schmerzhafte Erfahrungen durch Menschen oder Umstände, die ich noch nicht verarbeitet habe? Wo reagiere ich überstark, wenn ich mich daran erinnere? Wo empfinde ich Verzweiflung? Was ist mir in den verschiedenen Lebensphasen an Leid geschehen? Wer ist an mir schuldig geworden? Wer hat mich verletzt? Welche Schockerlebnisse bedrängen mich?
  2. Sprich Deine Leiderfahrung vor Jesus Christus aus
    Es ist hilfreich, sich den heilenden Christus zu vergegenwärtigen und darauf zu vertrauen, dass er auch noch heute zu seinem Wort steht und uns heilen will. Erwarte, dass Jesus auch deine Vergangenheit heilen möchte (Hebr. 13, 8) und dass er Zugang hat zu den tiefsten Schichten Deiner Seele und Deines Herzens. Es geht nicht nur darum, dass Jesus es hört und weiß, sondern darum, dass er in seiner heilsamen Kraft an Dir handelt.
  3. Empfange die Liebe Jesu für jede Situation Deines Lebens
    Erwarte, dass Jesus Dir Deinen ganzen Mangel erstattet. Damit werden Wunden „entgiftet“ und geschlossen, so dass Erinnerungen nicht mehr verdrängt werden müssen und Situationen des Lebens abgeschlossen werden können. Hilfreich ist es, den Empfang der Liebe durch ein Dank-Gebet zu dokumentieren.
  4. Lass die Liebe weiterströmen auf diejenigen, die Dich verletzt haben
    Vergib den Menschen, die an Dir schuldig geworden sind. Hierbei geht es nicht nur um ein Gebot Jesu (Mt. 6, 12; Mt. 18, 21 ff), sondern auch um Deine eigene seelische Gesundheit, denn wenn Du einem Menschen etwas nachträgst, bist Du selbst der Leid-Tragende. Hilfreich ist, sich vorzustellen, dass der andere und ich Liebe von Jesus empfangen und Jesus zwischen uns tritt und uns zusammenbringt. Hilfreich ist auch, wirklich laut auszusprechen, dass wir der konkreten Person vergeben (evtl. vor dem Seelsorger; nicht unbedingt gegenüber dem entsprechenden Menschen, weil er meist nichts von seinem verletzenden Handeln an mir weiß). Bitte Gott um Vergebung für Deinen Anteil an den Konfliktsituationen. Sei bereit, Dir selbst zu vergeben.
  5. Lege im Namen Jesu die Liebe Gottes auf diese Menschen
    Andere in der Fürbitte zu Gott zu bringen und die Liebe Gottes und seine Kraft auf sie zu legen (segnen) dient auch meiner seelischen Gesundheit und verändert unsere gegenseitige Beziehung (Hiob 42, 10).
  6. Lasse Taten der Liebe folgen gegenüber diesen Menschen
    Was Dir innerlich klar geworden ist und Du vor Gott vollzogen hast, muss sich in der Tat bewähren. Bitte Gott um Phantasie, den Menschen Liebe zu geben in praktischen Handreichungen. Wo wir bereit sind zu geben, werden wir es überfließend zurückerhalten – in kleinen und großen Dingen (Lk. 6, 38; Jes. 58, 6 ff).
  7. Schließe Frieden mit Deiner Lebensgeschichte vor Gott
    Wir alle haben Phasen in unserem Leben, an die wir uns nicht gerne erinnern. Aber es macht uns krank, wenn wir dagegen ständig rebellieren. Alles soll dem guten Plan Gottes mit uns untergeordnet werden. Er war dabei, er hat mit gelitten, er führt es zum guten Ende (Jer. 29, 11; Rö. 8, 28). Wenn ich „Ja“ sage zu meiner Lebensgeschichte, sage ich „Ja“ zu der Geschichte Gottes mit mir. Das hilft mir zur besseren Selbstannahme.
  8. Widerrufe Deine alten „Schwüre“
    Erfahrene Verletzungen sind oftmals Anlass gewesen, uns durch innere „Schwüre“ gegenüber ähnlichen Erfahrungen abzusichern: „Ich werde nie mehr einem Menschen vertrauen, nachdem ich so betrogen worden bin!“ Das aber schränkt unsere Lebensentfaltung ein und hindert uns auch in unserer Vertrauensfähigkeit Gott gegenüber. Diese vielfältigen Festlegungen gilt es im Namen Jesu zu widerrufen.
  9. Halte an den Zusagen Gottes fest und wage (erneut) den nächsten Schritt
    Wenn das oben genannte alles geschehen ist, beginnt der alltägliche Kampf, sich auf Gottes Zusagen zu verlassen und nicht auf seine Gefühle und die vielen Umstände, die sich noch nicht verändert haben. Es gilt, an der Heilung im Glauben festzuhalten und erneut den nächsten Schritt zu tun. Aus vielen Schritten entsteht der Weg zur Veränderung. Hilfreich ist es, sich die Verheißungen Gottes (z.B. die angeführten Bibelstellen) aufzuschreiben und zu verinnerlichen (Sprüche 4, 20-22). Heilung geschieht in einem Prozess. Dadurch kommt es zu einer immer tiefer gehenden, bleibenden Veränderung. Wenn Du an einem Punkt nicht weiterkommst, so suche das Gespräch mit einem Seelsorger (2. Tim. 1, 6).

IV. Gestärkt werden – in der heilsamen Atmosphäre der Gemeinde Jesu leben

Das seelsorgerliche Gespräch und Gebet ist das eine. Ergänzend dazu ist wichtig, daß die Betroffenen nicht nur ständig von der Liebe Gottes und seiner Vergebung hören, sondern sie vor allem erfahren und erleben. Darin liegt meines Erachtens eine der großen Herausforderungen für uns als Gemeinde Jesu heute. Sind unsere Gruppen, Hauskreise, Bibelkreise und Mitarbeitergemeinschaften Orte, wo Menschen bedingungslos Liebe erfahren – vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben? Erfahren sie bei uns Befreiung und Entlastung oder legen wir ihnen gesetzliche Lasten auf? Sind wir konfliktfähig oder kehren wir alles unter den Teppich? Wird bei uns hintenherum geredet oder praktizieren wir aneinander und miteinander die Vergebung und Versöhnung im Namen Jesu? Erlebt der Schwache bei uns liebevolle Annahme? Wissen wir uns aneinander so verantwortlich, dass wir auch bereit sind, einander zu mehr Reife und Mündigkeit zu verhelfen? Das „Dreifach-Gebot“ der Liebe (Lk. 10, 27) muss in unseren Gemeinschaften Gestalt gewinnen.
Lasst uns um Jesu willen diese Herausforderung annehmen. Eine heilsame Atmosphäre wird dort erfahren werden, wo Christen miteinander aus der Bedürftigkeit der Liebe Gottes als Empfangende leben. Wenn wir mit dem gegenwärtigen Christus in unserer Mitte leben, kann der Heilige Geist sein heilsames Werk tun, damit wir alle „stark werden am inwendigen Menschen“. In dieser Atmosphäre der Liebe können wir unsere Gaben entfalten und als Person wachsen und reif werden (Eph. 4, 11-16). Heilungs- und Wachstumsprozesse dauern oft viel länger, als wir es uns wünschen. Deshalb brauchen wir Geduld – mit uns selbst und mit anderen Menschen. Wir können solche Prozesse anstoßen, aber letztlich sind sie nicht machbar. Das, was wir brauchen, ist das Vertrauen auf Gott, dass er in seiner Souveränität, Macht und Liebe an uns heilsam handeln wird.

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