Seelsorge und wachsende Gemeinde #5

Gedanken und Anregungen zu einer lebendigen Seelsorge-Praxis in Gemeinde- und Mitarbeiter-Kreisen

von Martin Lorch, Quelltext #5

Es ist gut, daß in den letzten 20 Jahren das Thema ‚Seelsorge‘ in den geistlichen Aufbrüchen immer mehr Raum einnimmt. Es braucht eine Sicht für eine lebendige Praxis der Seelsorge in den Gemeinden, Hauskreisen, Mitarbeiterkreisen. Mitarbeiter, vor allem sich ehrenamtlich Engagierende, brauchen Ermutigung, Zurüstung und Schulung für den Umgang mit den Menschen, die als Bedürftige Hilfe, Gespräche, Beratung suchen. Seelsorge ist nach dem Zeugnis der Bibel eine Grundgabe und Berufung für jeden Christen.
Darin verwirklicht sich das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“.

I. Die Seelsorge Jesu

Wenn wir einen Begriff davon bekommen wollen, was Seelsorge eigentlich ist, müssen wir auf Jesus schauen. In seiner Person hat die ‚Sorge Gottes um seine Menschen‘ Gestalt angenommen. Jesus sagt:

„Ich bin gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist.“

(Lk. 19, 10)


Jesus sucht Menschen auf drei Weisen auf:

1. Die Botschaft Jesu an das ganze Gottesvolk


Als Jesu seine Wirksamkeit beginnt, wendet er sich in seiner Predigt an das ganze Gottesvolk. Das ganze Volk ist in seinen Augen bedürftig „wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt. 9, 36b). Deshalb ist seine Predigt von der Gottesherrschaft durch und durch seelsorgerlich. Gott kommt und will Hirte sein. Das Heil Gottes gilt dem ganzen Volk. Er will die Beziehung wieder ‚heil machen‘.

Das Revolutionäre, das Jesus in seiner Gottesbeziehung auslebt, ist das Vaterbild Gottes.
Dahinein stellt er seine Jünger und alle Menschen. Dazu ruft er zum Glauben: „Denkt um und vertraut meiner guten Nachricht von Gott! Die Gottesherrschaft ist nahe!“ (Mk. 1, 15)

Jesus verbindet die liebende Zuwendung mit der unüberwindlichen Macht Gottes. Es geht um Befreiung von den verderblichen Mächten: Sünde, Tod, Teufel und Krankheit (= Zerstörung von Leben). Diese Botschaft soll das ganze Volk hören (Tausende!), aber nur wenige wollen es im Glauben annehmen.


2. Die Begegnung Jesu mit Einzelnen


Was Jesus in seiner Predigt und Lehre proklamiert, will er jetzt aber auch gegenüber Einzelnen demonstrieren.

Zachäus, Bartimäus, Maria Magdalena, die Jünger und viele andere erfahren das Heil Gottes geistig, seelisch und leiblich ganz konkret in der persönlichen Zuwendung Jesu durch ein aufrichtendes Wort, einen vergebenden Zuspruch oder ein heilsames Gebet.
Jesus vermittelt ein bejahendes, annehmendes Menschenbild, das in der Liebe des himmlischen Vaters verankert ist (Lk. 15, 11 ff). Jesu Menschenbild kommt vom Vater-Bild Gottes her. Er proklamiert nicht nur die Herrschaft Gottes (seine Macht und Kraft), sondern demonstriert sie in der Begegnung mit den Sündern und den Kranken und Gebundenen als wirk-mächtige Liebe Gottes (Mt. 9, 2-8).

Die Erneuerung des Gottesbildes als liebevolle Vater-Kind-Beziehung ist der Schlüssel zu einer heilsamen Seelsorge. Sie muß ihren Niederschlag finden in einer seelsorgerlichen Verkündigung an das Volk, wie auch im Zuspruch der Botschaft an den Einzelnen inmitten im Alltag des Lebens und der Leiden. Dabei geht es nicht nur um Worte, sondern um eine Gottes-Erfahrung in Geist, Seele und Leib. Missionarische Aktion, Seelsorge und Diakonie als Leibsorge gehören untrennbar zusammen!

3. Das Multiplikationsprinzip Jesu = Training der Jünger

Kaum, daß Jesus seine Wirksamkeit beginnt, beruft er sich 12 junge Männer in eine besondere ‚Schule‘. „Jünger“ ist die damalige Bezeichnung für ein Lehrer-Schüler-Verhältnis. Neben der Vermittlung seiner persönlichen Vater-Gottes-Beziehung läßt sich Jesus in jeder Beziehung über die Schulter sehen. Die Jünger sollen damit zu einer Reflektion ihres Glaubens herausgefordert werden und denselben Auftrag Jesu zu übernehmen (Lk. 10, 1-12 u. 17-20).
Darüber hinaus hat aber Jesus eine Vision für ein neues Gottesvolk: eine lebendige Gemeinde. Die 12 Jünger (und andere) sollen die Hauptmultiplikatoren für die neue Gemeinde werden (Mt. 16, 18; Lk. 22, 29-32; Joh. 14, 12; Mt. 28, 19-20)!

Die Pädagogik der ‚Jünger-Schule‘:

1. Die Lebensgemeinschaft

Jesus lebt mit den Jüngern in einer Lebensgemeinschaft zusammen. Alle alltäglichen Bezüge sind Bestandteil der Vermittlung seines Gottvertrauens: Essen, Schlafen, Wohnen, Reisen mit leichtem Gepäck. Die Jünger erleben seine Freuden, seine Enttäuschungen, seine Müdigkeit, seine Tränen, seine Angst – aber alles eingebettet in sein kindliches Vertrauen zum Vater. Nichts bleibt Theorie. Alles wird im Alltag erlebt, erfahren – miteinander geteilt.

2. Die Lerngemeinschaft

Die Jünger erleben das Beispiel Jesu: Wie er glaubt, wie er lehrt, wie er predigt, wie er mit Menschen seelsorgerlich umgeht, wie er Menschen dient. Manche Lehre und Praxis bleibt nur den Jüngern vorbehalten: Sie können Fragen stellen und Einzelheiten klären (Mk. 9, 33; Lk. 11, 1; Mt. 20, 14; Mt. 17, 1). Kaum, daß die Jünger die Grundlagen des Glaubens verstanden hatten, sendet Jesus sie zwei und zwei zur eignen Praxis aus (Lk. 10, 1 ff) und reflektiert hinterher mit ihnen (Lk. 10, 17 ff) – und rückt ihre Erfahrungen zurecht.

3. Die Dienstgemeinschaft

Jesus nimmt die Jünger in seine große Vision vom kommenden Reich Gottes hinein:
„Gehet hin in alle Welt (Mt. 28, 18), predigt die gute Nachricht aller Kreatur (Mk. 16, 15). Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, und in ganz Judäa und Samarien und bis ans Ende der Erde (Apg. 1, 8)“.
Die zukünftige Gemeinde ist nicht Selbstzweck oder Wärmestube, sondern Dienstgemeinschaft, um den Auftrag Jesu zu erfüllen. Die Gesinnung des Jüngers muß sich am Vorbild Jesu messen lassen. Jesus ist der Diener (Diakonos; Mt. 10, 45; Joh. 13, 15).
Wer unter den Jüngern sich auszeichnen will, kann es nur im Glauben, der in der Liebe tätig ist und in der Hingabe im Dienen tun (Mt. 23, 11). Darin erfüllt sich christlicher Glaube und menschliche Lebensentfaltung (Joh. 12, 24-26). Darin erfährt der Mensch seine Identität, daß er seinen Glauben im Alltag bewährt.

4. Die Pädagogik Jesu

Die Pädagogik Jesu ist in diesen drei Feldern der Jüngergemeinschaft schon sichtbar geworden. Sie kann sich heute mit Ansätzen moderner Pädagogik messen!

4.1. Jesus lehrt

Schon im Ansatz zielen seine Lehre, seine Predigt, seine Gespräche auf den täglichen Vollzug von Glaube im Alltag. Sie will betreffen und zur Stellungnahme herausfordern – und nicht nur theologische Richtigkeiten reflektieren.
Oft bringt Jesus in seinen Gleichnissen den Zuhörer allein schon durch das Beispiel zur Zustimmung und Einsicht. Kein Wunder, daß die Zuhörer „sich entsetzten“ und sagten:
„Er lehrt mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten!“ (Mt. 7, 29) Hier sollen wir als hauptamtliche oder ehrenamtliche Verkündiger in Kirche und Gemeindearbeit umdenken und lernen.

4.2. Jesus veranschaulicht

Nachdem die Zuhörer ihr „Amen“ (als Bestätigung) sagen, veranschaulicht Jesus, was er in der Predigt proklamiert hat.

Zur Proklamation der Liebe Gottes, des Vaters und seiner Macht über die Finsternismächte kommt bei Jesus die Demonstration = die persönliche Zuwendung an den Bedürftigen: „Sei rein! – Sei gesund! – Glaube nur! – Fürchte dich nicht. – Dir sind deine Sünden vergeben. – Ich verurteile dich nicht. – Ich muß bei dir zu Gast sein! – Folge mir nach! – Dein Glaube hat dir geholfen!“ Es ist auffällig, wie Jesus aus dem Vertrauen zum Vater eigentlich fast keine Fürbitte, sondern segnendes und gebietendes Gebet praktiziert.
Die Botschaft vom Reich Gottes soll nicht nur Theorie bleiben, sondern zeichenhaft sichtbar werden in dem, wie Jesus den Leidenden, Kranken, Mutlosen, Ratsuchenden begegnet.

Hier hört es meist auf in unseren Gottesdiensten, Bibelstunden oder Hauskreis-Abenden.
Nach einem guten Wort aus der Bibel sagen wir ‚Amen‘ und gehen nach Hause. Wieviel aber wird nun davon in den Alltag genommen und sichtbar umgesetzt? Das scheint jedem selbst überlassen zu sein. Müssen wir nicht anfangen zu lernen, das Gehörte nach dem zustimmenden „Amen“ in die Praxis umzusetzen?

4.3. Jesus fordert zur eigenen Praxis heraus

Das Generalbeispiel Lk. 10: Jesus bittet 72 seiner Jünger, sich zwei und zwei zusammenzutun. Es fängt wie eine kleine Übung für eine Seminargruppe an. Dann kommt der Auftrag. Die Jünger halten den Atem an. Jesus formuliert denselben Auftrag, wie er ihn für sich selbst formuliert hatte: „Geht in die Dörfer und Städte, proklamiert die Gottesherrschaft (und die Liebe Gottes) heilt Kranke, treibt Dämonen aus, … “ (Lk. 19, 1-6; Mt. 10, 5-15). Die Jünger werden zu eigenem Wollen, Glauben und Wagen herausgefordert – zu einem ‚Zwischen-Praktikum‘ (s.a. Lk. 9, 40, wo’s ein bißchen daneben ging).

4.4. Jesus reflektiert mit den Jüngern und korrigiert ihre Ansichten

In Lk. 10 lesen wir, wie die Jünger nach ihrem Praktikum begeistert zurückkehren und über die Macht Gottes staunen. „Die bösen Geister sind uns untertan!“ Sie heben ab in ihrer Begeisterung und lenken ihr Augenmerk auf etwas scheinbar wichtiges. Jesus aber korrigiert ihre Haltung, indem er sie auf das eigentliche Wichtige hinweist, worüber jeder Christ ‚abheben‘ sollte: „Freut euch darüber, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind!“ Darüber sollen wir uns freuen, daß die Beziehung zum Vater wiederhergestellt ist. Sie ist Grundlage für den Glauben und den Dienst im Namen Jesu in Vollmacht. Die Jünger sind gewachsen und weitergekommen durch diese ‚Praxiserfahrung‘. Sie können sich freuen an der Liebe zu Gott und seiner heilvollen Kraft.

Ein Glaubensvater, Kirchenrat Oetinger, formulierte es so: „Das Ziel aller Wege Gottes ist die Verleiblichung.“ Nicht nur die Theorie, sondern die Erfahrung des Glaubens im Alltag soll das Ziel sein, in das wir hineinwachsen sollen. Dazu soll die Pädagogik Jesu uns anleiten: „Machet zu Jüngern ….“ (Mt. 28, 19).

II. Die Umsetzung der Jünger – Erfahrungen in der urchristlichen Gemeinde

Das ist nun eine spannende Frage, wie es wohl die Jünger, nachdem sie von Jesus verlassen worden sind und der verheißene Heilige Geist sie erfüllt hat, umgesetzt haben. In der Apostelgeschichte im 2. Kapitel erkennen wir schon einige Strukturen:

  1. Sie proklamieren als Zeugen Jesu (Martyria) die Botschaft über den Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen an das ganze Volk (Apg. 2, 14 ff u. 43) .
  2. Sie feiern mit dem ganzen Volk Gottesdienst (Leiturgia) im Tempel (Apg. 2, 46).
  3. Sie bilden familienähnliche Gemeinschaften (Koinonia) durch das Treffen in ‚Häusern‘. Das meint nun nicht nur den Treffpunkt in einem Privathaus, sondern bedeutet in damaliger Zeit Haus-Lebensgemeinschaft einer Großfamilie. In dieser Koinonia wurde alles miteinander geteilt: Freude und Leid, Glaube und Lehre, Essen, Unterschlupf. Da wurde füreinander und für die Anliegen der Gemeinde gebetet. Da wurden Mahlfeiern abgehalten zur Speisung der Armen und zur Erinnerung und Vergegenwärtigung des Auferstandenen Christus im ‚Brotbrechen‘ (Apg. 2, 42-47).
  4. Damit ist der Dienst schon selbstverständlich angeschnitten. Dienstgemeinschaft (Diakonia). Der Dienst richtete sich natürlich nicht nur nach innen, sondern nach außen: Predigt und seelsorgerlicher Dienst unter den Nicht-an-Jesus-Glaubenden (Apg. 2, 43; Apg. 3, 1-26).
  5. In den kleinen Gemeinschaften der Häuser wird das Wort der Apostel (Bote, Abgesandter = die Augenzeugen Jesu) immer wieder weitergegeben, erklärt, gelehrt, erzählt und in die Situation der Menschen zugesprochen. Nichts anderes erleben wir, wenn wir die Briefe des Neuen Testaments lesen. Es sind Worte der Apostel mit dem Ziel, den Gläubigen in den Haus-Kirchen beizustehen, daß sie ihren Glauben im Alltag einer heidnischen Umwelt leben konnten. Besonders der 1. Korinther-Brief macht deutlich, wie die Haus-Kirchengemeinschaften ganz praktische Fragen gesammelt haben, um von Paulus Antwort und Rat zu erhalten. Die Hausgemeinschaften waren also Lern-Gemeinschaften, die den Auftrag Jesu „Machet zu Jüngern alle Völker“ ganz konkret umsetzten.

Die gelebte Gemeinschaft der ganzen Gemeinde und der konkreten kleinen Wachstumszelle einer Hausgemeinschaft war das Gefäß für die kraftvolle Erweckungsbewegung durch den Heiligen Geist. Die Folge davon war: Innerhalb von zwei Generationen war das ganze heidnische römische Reich durchsetzt von lebendigen, dynamischen Haus-Kirchen.
Wenn wir heute in der ganzen Welt Erweckungsbewegungen studieren, entdecken wir diese geistlichen Prinzipien unabhängig von der jeweiligen Kultur. Lebendiges Christsein, lebendige Gemeinde, lebendige Seelsorge wird also auf diese Prinzipien zu achten haben, damit auch in unserer Kultur und Gesellschaft das Reich Gottes ausgebreitet und Gemeinde gebaut werden kann.

III. Gemeinde-Seelsorge als Gemeindeaufbau bei Paulus

1. Seelsorge ist die Grundgabe und -berufung der ganzen Gemeinde:

In 1. Thess. 5, 11 ff finden wir eine gute Zusammenfassung für Gemeinde-Seelsorge:
Ermahne einer den anderen!“ Das deutsche ‚Ermahnen‘ drückt nur schwach aus, was das griechische ‚parakalein‘ meint. Wir erinnern uns an den ‚Parakleten‘ aus Joh. 14-16, der johanneische Ausdruck für den Heiligen Geist. Luther übersetzt ‚Tröster‘. Eigentlich ist es der juristische Ausdruck für Rechtsbeistand. Seelsorge meint also: ermahnen, beistehen, trösten, fürsprechen; zusammengefaßt am besten mit ‚ermutigen‘. Sie soll im Sinne des Parakleten und aus seiner Kraft geschehen.

Erbaue einer den anderen“:Das griechische Wort ‚oikodomein‘ meint tatsächlich das Bauen eines Hauses. Wir sind in der Gemeinde füreinander verantwortlich, daß der Einzelne sein „Lebenshaus“ bauen kann. Sein Fundament soll tragfähig sein (1. Kor. 3, 11).
Sein „Haus“ soll stabile und tragfähige Wände haben. Eine falsche Ausrichtung des Menschen mindert seine Stabilität. Sein Dach soll Schutz geben, aber fehlende oder übertriebene Schutzbedürfnisse schaffen Beziehungsstörungen.

Einer den anderen„: Jeder ist zunächst für den anderen in der Gemeinde verantwortlich. So gewinnt das Liebesgebot Christi (Joh. 15, 12) Gestalt. Dies soll mit den Gaben und nach dem Maß geschehen, das der Einzelne hat (1. Petr. 4, 10). Dies kann besser geschehen, wenn vorher der Einzelne eine „Jüngerschaftsschule“ durchlaufen hat und dazu von anderen ermutigt wurde.

2. Seelsorge ist eine besondere Aufgabe der Leiter:

Seelsorge geschieht durch die, „die euch vorstehen und die an euch arbeiten“ (1. Thess. 5)! Neben dem seelsorgerlichen, normalen Umgang in der Gemeinde als Grundberufung gibt es den besonderen Dienst der Leiter und Verantwortlichen zur Seelsorge und das Charisma der Seelsorge. Jeder Leiter (ob Jugendleiter, Hauskreisleiter oder Ältester) hat eine seelsorgerliche Verantwortung für die ihm Anvertrauten – nicht nur der Pfarrer, Priester oder Pastor, der traditionsgemäß als „Seelsorger“ und „Hirte“ identifiziert wird.
Die Gemeinde, die im lebendigen Glauben aus den Gaben und Kräften des Heiligen Geistes lebt, kann nur eine Gemeinde des ‚allgemeinen Priestertums aller Gläubigen‘ (1. Petr. 2, 5+9) sein, also in der Zusammenarbeit aller Gaben und Charismen in der Gemeinde als Team.

3. Die wachsende Gemeinde (Eph. 4, 11 ff):

Paulus hat im Brief an die Epheser das geistliche, seelsorgerliche Wachstum der Gemeinde beschrieben – nach folgendem Schema:

Jesus beauftragt also die verantwortlichen Leiter, sich mit den ihnen von Gott gegebenen Charismen dafür einzusetzen, daß die gläubigen Christen als Glieder ihren Platz im Leib Christi finden und somit der Dienst der Gemeinde geschieht. Dadurch entsteht persönliches Wachstum (Eph. 4, 12-16) als Lebensentfaltung (reif werden als Mann oder Frau, mündig werden in der Lehre, glaubens- und liebesfähig werden) und Wachstum im Zusammenhalt in der Gemeinde (Einheit und Liebe). Paulus geht es um das qualitative Wachstum der Einzelnen und der ganzen Gemeinde. Daraus ergibt sich das quantitative Wachstum der Gemeinde. Das Werk des Dienstes ist nicht nur auf den inneren Ausbau der Gemeinde gerichtet, sondern auf den missionarischen und evangelistischen Dienst der Gemeinde (Eph. 3, 1-8 u. 6, 18). Auch hier sind das Mulitplikationsprinzip und die Prinzipien der Lebens-, Lern- und Dienstgemeinschaft (Eph. 4, 16+11+12) in der Gemeinde Jesu praktisch umgesetzt.

III. Die Praxis einer wachsenden, seelsorgerlichen Gemeinde

Ich möchte aufgrund der biblischen Erkenntnisse einige Linien ziehen für die Umsetzung in der Gemeinde- oder Jugendarbeit:

1. Das Wachstum einer lebendigen Gemeinde geschieht in konzentrischen Kreisen aus einer Kerngemeinde, die sich öffnet für die Suchenden und Interessierten und Anfänger im Glauben. Jeder gläubige Christ wird als (potentieller) Mitarbeiter angesehen (nicht in verengender Weise als Gruppenleiter!). Die Hauptaufgabe der Verantwortlichen und Leiter ist, jeden in seiner Lebensentfaltung zu unterstützen und zu den ihm und seinen Gaben entsprechenden Dienst freizusetzen.

Die Aufgabe der Hauptamtlichen ist vorallem, die ehrenamtlichen Leiter zu diesem Dienst zu befähigen und zu unterstützen (Prinzip der Multiplikation). Dazu gehört der Aufbau des Mitarbeiter-Kreises als Team, in dem jeder entsprechend seiner geistlichen Gaben den an-
deren ergänzt.

2. Eine wichtige Struktur für die wachsende Gemeinde (Apg. 2, 46-47)

„Volk Gottes im Tempel“                                           „Häuser“

Inhalte (u.a.):                                                 Inhalte (u.a.):
* Anbetung Gottes , gemeinsame                              * Zuspitzung des Wortes Gottes in
   Gotteserfahrung                                             den Alltag
* gemeinsame Ausrichtung auf die                           * Umsetzung der geistlichen Lehre
   Vision Gottes                                                            (Pädagogik Jesu)
* Gott spricht zu seinem Volk (durch                       * Teilen von Freude und Leid
   Predigt u. praktische Impulse)                                * Zuwendung von Liebe aneinander

* Seelsorgerliche Dienste (Heilungs-                        * Konkrete Seelsorge am Einzelnen
   u. Segnungs-Gebetsdienste)                                      durch Gruppe oder Leiter
* Missionarische/evangelistische Zu-                       * Freisetzung des Einzelnen in seinen
  spitzung an Gläubige und Nicht-                               Gaben und in seiner Berufung
  Gläubige

Wie zwei Brennpunkte einer Elipse ist das eine ohne das andere nicht ausreichend!

3. Der Gottesdienst der wachsenden Gemeinde

Der Gottesdienst, wie er heute in seiner Form (aus der Tradition der vorigen Jahrhunderte) geworden ist, wird in der Kirche theologisch überhöht als die Mitte der Gemeinde dargestellt. Dies ist faktisch eine Illusion geworden (Nur 2-5 % der Gemeinde in der Bundesrepublik  beteiligt sich am Gottesdienst! Vom Altersdurchschnitt fehlt dabei die junge Generation fast völlig, ebenso sind die jungen Familien und die mittlere Generation völlig unterrepräsentiert!). Es kann nicht der Auftrag Jesu sein, Menschen über die Hürde einer vorübergehenden Form in die Gemeinde „zwingen“ zu wollen. Vielmehr gilt auch für die Formen des Gemeindegottesdienstes: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Altersstufen!“

Nachdem wir schon seit Jahrzehnten in der radikalen Veränderung des traditionellen Gottesdienstes enorme Kräfte verschlissen haben, ist eine bewegliche Struktur effektiver:

  • Es braucht verschiedene Gottesdienst-Angebote neben dem sonntäglichen Morgen-Gottesdienst. Der Zusammenhalt der Gesamt-Gemeinde kann in monatlichen oder vierteljährlichen Gemeinde-(voll)-Versammlungen z. B. als Sonntagmorgen-Gottesdienst gestaltet werden: Alt und Jung gehören als das ganze Volk Gottes zusammen und soll gemeinsam hören, wie Gottes Vision für die Gemeinde aussehen kann. Selbstverständlich kann der bisherige Gottesdienst weiter stattfinden als vertrautes Angebot für die ältere Generation.
  • Darüber hinaus braucht es Gottesdienste (eventuell 1 x monatlich im Wechsel) für junge Familien (heute eine offene Tür für missionarische Arbeit!), für Suchende (die mit den althergebrachten Formen nicht zurecht kommen) und für junge Menschen. Auch ist daran zu denken, in regelmäßigen Abständen Gottesdienste für Mitarbeiter anzubieten, in denen konkret Wachstumsschritte in der Umsetzung von geistlichen Gaben gegangen werden könnte.

Jeder dieser Gottesdienste muß darauf zielen, daß die „Sprache“ der Zielgruppe gesprochen wird, daß die Bedürfnisse und die Lebensumstände der Einzelnen angesprochen werden. Gott möchte zu Gehör kommen, aber eben für den einzelnen so, daß er es versteht und es ihm zu Herzen geht. Dabei gibt es eine Vielzahl kreativer Möglichkeiten im Rahmen einer „Liturgie“, Menschen zu einem Ausdruck ihrer Bedürftigkeit und ihres Glaubens anzuregen (Beteiligung durch Zettel, zeugnishafte Beiträge, Gebets-Kleingruppen, Einzelsegnungen, …).

4. Von der Progamm-Gruppe zur Wachstumszelle

Die „klassische“ Struktur einer Programm-Gruppe:

Alles dreht sich um das Programm und den Referenten. Die Gruppenmitglieder haben wenig Gelegenheit, sich mit ihren alltäglichen Erfahrungen einzubringen. Sie bringen auch die Erwartung dazu nicht mit und werden dazu nicht ermutigt. Es bleibt vieles theoretisch, wenig wird in die Lebenspraxis umgesetzt.

Im Unterschied dazu das Modell einer Wachstumszelle:

Voraussetzungen:

  • Überschaubarkeit (höchstens 12 Pers.)
  • Klare Zielsetzung: einander fördern in Glaubens- und Lebensfragen
  • Drei Grundregeln:    1. Offenheit, 2. Verbindlichkeit, 3. Verschwiegenheit nach außen
  • auf überschaubare, begrenzte Zeit angelegt (1-2 Jahre); dadurch bleibt der Prozeß beweglich, auch für zahlenmäßiges Wachstum
  • Leitungsstruktur ist geklärt (Leiter als Trainer)

Normale Hauskreise haben hier meist Probleme: zu groß oder nicht mehr wachsend, kaum klare Zielvorstellungen, auf „ewige Harmonie-Gemeinschaft“ festgelegt, kaum wandelbar, meist mit Programmstruktur, oft mit ungeklärter Leitungsstruktur.

Die Wachstumszellen-Struktur:
In dieser Struktur werden Menschen in ihrem Lebensbereich seelsorgerlich angesprochen, begleitet, gestärkt. Ebenso wird im Lauf eines Jahres/zweier Jahre durch systematische Lehre, die anregt, sie im Leben umzusetzen, der Einzelne und die Gemeinschaft aufgebaut. Gaben können entdeckt, Berufungen freigesetzt werden. In der Annahme neuer Herausforderungen (Aufgaben in der Gemeinde) steckt das größte Wachstumspotential.

5. Wachstum der Zell-Gruppen nicht durch Zerteilung, sondern Zeugung

  • Oft „verwalten“ Leiter ihren Hauskreis als organisierte Gemeinschaft, bis zum Schluß ein paar wenige Frustrierte „überleben“.
  • Wenn es gut läuft, ist irgendwann der Hauskreis zu groß. Jetzt wird radikal und schmerzlich durch die Mitte „zerteilt“. Meist ist dann ein Teil-Kreis der Überlebende, weil in ihm die Teilnehmer mit den entsprechenden Gaben sind. Neue Mitglieder zu gewinnen ist manchmal eher ein „Störfaktor“.
  • Wichtig ist, daß schon die Leiter bei der Gründung einer Wachstumszelle darauf achten, ob potentielle Leiter in der Gruppe teilnehmen. Sie sollen entsprechend ihrer Gaben besonders geschult werden, dann dazu berufen werden, unter der betenden, segnenden und praktischen Begleitung der „Mutter-Zelle“ eine „Tochter-Zelle“ zu gründen.

Auf diese Weise können auch immer wieder neue Mitglieder gewonnen werden. Ein neuer Prozeß ist möglich, ohne daß sie alten Mitglieder immer wieder die alten Grundthemen durchmachen müssen.
Die Mutter- sowie die Tocher-Zelle können neue Tochter-Zellen gründen. Die Last, neue Glieder zu gewinnen, ist wichtiges gemeinsames Anliegen. Diese Form ist übrigens die erfolgreichste Methode der Evangelisation!

6. Die Struktur einer lebendigen, seelsorgerlichen, wachsenden Gemeinde (als Ziel)

Seelsorge geschieht in einer lebendigen Gemeinde also auf einer breiten Ebene in verschiedenen Ebenen: Durch einen seelsorgerlichen Gottesdienst, durch seelsorgerliche Wachstumszellen, durch Leiter, die solche Zellen leiten und durch besonders begabte (durch das Charisma der Seelsorge) und vielleicht auch besonders geschulte Seelsorge-Mitarbeiter, die bei schwierigeren seelsorgerlichen Problemen als Ergänzung angesprochen werden können. Solche Mitarbeiter könnten z.B. als Dienstgruppe in der Gemeinde offiziell eingesetzt werden, z.B. als Gebets-Dienst-Gruppe, die sowohl als Gebetsteams bei Segnungs- und Heilungs-Gottesdiensten, wie auch bei Gebetsdiensten für Kranke (nach Jak. 5), wie auch für eine besondere und intensive Seelsorge bei Einzelnen zur Verfügung stehen können.

Zum Abschluß:

Die Ausführungen klingen sicher jetzt sehr machbar. Wie aber jeder Dienst im Reich Gottes, soll Seelsorge und Gemeinde-Aufbau aus der Gnade Gottes getan werden. Gott schenkt das Wollen und das Vollbringen, ist Quelle für einen vollmächtigen Dienst. Deshalb ist das Erste für einen Gemeindeaufbau das vertrauende Gebet. Erweckung und Erneuerung der Gemeinde beginnt immer so: Da beten einer, zwei oder drei im Namen Jesu und richten ihre Erwartungen ganz auf Jesus, den Herrn der Gemeinde. Dann beginnt der Segen Gottes zu fließen. Gott schenkt es, daß aus einem unscheinbaren Anfang eines Senfkorns ein Baum wächst, der Lebensraum für viele bietet.

Wachstum braucht Zeit. Die Schritte zu einer seelsorgerlichen, wachsenden Gemeinde erstrecken sich über mehrere Jahre (5-10 Jahre). Entsprechend ist: Die Dynamik des Weges ergibt sich aus dem Ziel (Eph. 4, 11.16).

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