Eine Schule des Gebets
von Martin Lorch, Quelltext #7
„Not lehrt beten“ heißt ein alter Spruch. Es ist, wie wenn man in’s Wasser fällt und jetzt eigentlich schwimmen lernen müßte. Es ist wie eine ‚Feuerwehr-Beziehung‘: „Kommt schnell, es brennt schon!“ Was ist da noch zu retten? Es ist wie die Versicherungspolice in der Schublade. Was haben wir letztlich davon? Lohnt es sich nicht, sich vorher schon Gedanken zu machen, wer Gott ist und welche Beziehung wir zu Gott haben und mit welcher Kraft und mit welchen Gaben wir leben können – bevor der ‚Ernstfall‘ kommt?
Die Krise im Gebet
„Wir haben gebetet über einem kranken Menschen, und es ist nicht erhört worden. Er ist krank geblieben. Das Gebet hat nichts gebracht.“
Mit welcher Erkenntnis sagen wir das? Wir konnten nur feststellen, daß der Kranke nach dem Gebet noch dieselben Krankheitssymptome hatte, sonst können wir nichts erkennen. Mir ist bewußt geworden, daß wir mit unserer typischen modernen Auffassung eines Ursache-Wirkungsprinzips Gott beschreiben wollen. Damit setzen wir ihn gleich mit Medikamenten. Wir haben sie einem Kranken gegeben. Sie haben nicht gewirkt. Wir lassen es bleiben. Gott müssen wir aber anders begegnen. In der Bibel werden uns andere Erfahrungen berichtet. Wir sollen mit kranken Menschen beten. Gott wird davon angerührt. Es bewegt ihn. Er ist der liebende Vater, der sich um seine Kinder annimmt. Jedes Gebet wird von ihm registriert und er reagiert darauf. Das ist die Überzeugung von Jesus (Mt. 6, 8): „Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ Er stützt sich damit auf die Zusage Gottes durch den Propheten Jesaja: „Ehe sie rufen, will ich antworten; ehe sie noch reden, will ich hören.“ (Jes. 65, 24)
Ein vorbildlicher Beter: Jesus
Die Jünger Jesu sind fasziniert von der Gebetsbeziehung Jesu, so daß sie
ihn bitten: „Herr, lehre uns beten.“ Sie wollen genauso in dieses
Zutrauen und Vertrauen zu Gott kommen wie Jesus es vorlebt (Mt. 11, 1). Wir
kennen die Antwort Jesu: „Wenn ihr betet,
so sprecht ‚Vater! Dein Name werde geheiligt …‘ .“ (Lk. 11, 2)
Wir lernen daraus: Gebet ist zunächst keine Frage der Form oder der Methode,
sondern eine Frage des Vertrauens und der Beziehung zu Gott.
Beten – als Kind zum Vater reden
Für Jesus ist ein Bild ganz wesentlich, die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Das Bild des Vaters, der seinen Kindern Gutes gibt (Mt. 7, 9-11). Er erzählt eine kleine einleuchtende Geschichte, daß ein kleiner Sohn in die Küche rennt und Hunger hat und deshalb bittet er den Vater um’s Brot. Welcher Vater käme auf die Idee, dem Sohn dafür einen Stein zu geben? Und selbst wenn in der Ecke ein Stein gelegen hätte, der aussähe wie ein Brot, und das Kind hätte darauf gedeutet und gesagt: „Gib mir das Brot!“ Welcher Vater hätte dann gesagt: „Gut, wenn du darauf bestehst, dann bekommst du, was du willst.“? Die Zuhörer Jesu hatten die Antwort schon auf den Lippen: „Jesus, hör‘ auf! Solch einen Vater gibt’s nicht!“ Und Jesus bringt es auf den Punkt: „Eben! Ihr sagt es selbst. Warum glaubt ihr dann nicht, daß Gott als Vater es nicht noch viel mehr tun wird, nämlich gute Gaben denen zu geben, die ihn bitten?!“
Beten heißt glauben
Das ist das Stichwort: „Glaubt ihr? Glaubt ihr nicht?“ Gebet ist gelebter, aus dem Herzen kommender Glaube. Nicht der Glaube als Lehre und Wissen, der im Kopf ist, sondern der Glaube als Vertrauen zu Gott, daß er’s gut mit mir meint – auch wenn ich im Moment nichts spüre, weil ich vielleicht nicht verstehe und keine Einsicht habe, welche Wege Gott geht. Könnte es sein, daß wir gelegentlich Stein und Brot verwechseln? Ziehen wir uns dann enttäuscht zurück?
Im Katechismus Luther’s finden wir: „Das Gebet ist das Reden des Herzens mit Gott.“ Was redet unser Herz? Damit haben wir auch ein Hindernis zum Gebet benannt: Wenn das Herz voller Mißtrauen und Enttäuschung ist, werden wir von Gott kaum noch etwas erwarten. Dann glauben wir nicht mehr, daß Gott uns ein guter Vater ist und uns gute Gaben geben wird. Beten kann hier heißen, anfangen neu zu vertrauen: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (Mk. 9, 24) Oder mit dem Vertrauenspsalm 62, 8-9: „Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott. Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz bei ihm aus; Gott ist unsere Zuversicht.“
Beten heißt Wachsen und Reifen
Wenn also Gott-Vater uns als seine Kinder annimmt, dann ist auch richtig, daß wir wie Kinder in dieser Beziehung wachsen und etwas lernen sollen. Unser Vertrauen kann so kindlich sein, wie ein Kind zum Vater kommt und über alles redet und klagt und alles bittet und erwartet. Es kann deshalb nicht ‚falsch‘ bitten. Denn der gute Vater wird das ‚Rechte‘ tun. Jesus kann deshalb sagen: „Alles, was ihr bittet, glaubt, daß ihr’s empfangen habt, so wird’s euch werden!“ (Mk. 11, 24)
Wir sollen im Gebet einen Reifungsprozeß erleben, wo wir lernen zu beten: „im Namen Jesu-“ das heißt, in seinem Sinn, nach seinem Willen, auf seine Rechnung. Im Johannes-Evangelium lesen wir (Joh. 14, 13): „Was ihr bitten werdet in meinem Namen, das will ich tun, damit der Vater verherrlicht werde im Sohn.“ Das ist das reife Motiv: Nicht, daß ich alles, wonach ich Bedürfnisse habe, bekomme, sondern daß in meinem vertrauenden Bitten der Vater mit seinem Sohn verherrlicht wird.
Beten lernen, darin wachsen und zur Reife kommen, dazu braucht es eine ‚Schule des Gebets‘. Martin Luther hat einmal von der ‚Schule des Gebets‘ gesprochen, die mit drei Klassen zu absolvieren sei. Wir wollen uns einmal den ‚Stoffplan‘ dieser Klassen anschauen:
1. Klasse der Gebetsschule: Lernen, alles von Gott zu erwarten
Das ist schon etwas Großes: Zu Gott, dem Vater kommen und alle Anliegen, Sorgen und Nöte im Gebet vor Gott laut werden lassen und ihm vertrauen, daß er der rechte Vater für alle sein werde. Diese Haltung finden wir im Brief an die Philipper (Phil. 4, 4-7): „Sorget euch um nichts, sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!“ Mit allen Wünschen, Sorgen, Ängsten, Nöten, Bedürfnissen, Klagen und Tränen vor Gott Audienz haben, hineinplatzen dürfen in die Regierungsgeschäfte Gottes, um dann zu merken: Er weiß darum, er erwartet mich schon, er nimmt mich darin an und er hat Hilfe schon bereitgestellt.
Wir dürfen sogar unsortiert, unbewertet, ungewichtet, ja sogar ungeklärt kommen und bitten. Das ist das Recht des Kindes. Aber darin ist es auch unreifes Gebet. Deshalb müssen wir lernen, daß Gott sortieren, gewichten, klären und deshalb auch nicht unserem Egoismus dienen wird. Deshalb fällt die Antwort Gottes manchmal auch anders aus, als wir sie uns vorgestellt haben (Jak. 4, 3). Aber das ist das Entscheidende: Die Beziehung zwischen Gott und uns ist lebendig geworden. Wir sind an der Quelle gelandet. Darin wird unser Durst gestillt (Joh. 7, 37-38). Dieses Bitten kann überall geschehen: im stillen Kämmerlein (Mt. 6, 6); mitten im Alltag, wenn die Kinder im Sechseck springen; wenn der Chef gerade auf 180 ist; wenn es zum Davonlaufen ist; wenn die Kraft nicht mehr zu reichen scheint; wenn wir an unserem Kranksein verzagen, … Mag es auch nur noch zu einem unaussprechlichen Seufzen reichen, dann sind wir mit unseren Bedürfnissen an der richtigen Adresse bei Gott (Rö. 8, 26).
Die Krise dieser Gebetshaltung kann aber kommen, wenn wir sagen: „Es geschieht nichts. Gott hat mich nicht erhört.“ Es ist dann auch tatsächlich so: Das, was wir uns vorgestellt, gewünscht, erbeten haben, trifft nicht ein. Dann sind wir gefährdet, zu resignieren. Die Beziehung zu Gott, dem Geber, wird fraglich. Unsere Selbstdeutung wird problematisch: „Gott hat mich vergessen. Ich kann nicht mehr an einen guten Gott glauben.“ Es ist so, daß wir nicht immer darauf eine Antwort haben, warum Gott scheinbar schweigt oder nicht zu reagieren scheint. Um damit besser umgehen zu können, müssen wir die 2. Klasse der Gebetsschule absolvieren.
2. Klasse der Gebetsschule: Lernen, Gott zu danken
Es ist eigentlich ganz einfach. Schon den kleinen Kindern bringen wir es bei, wenn sie von jemandem ein Geschenk erhalten haben: „Wie sagt man?“ Dann erst kommt manchmal das erlösende „Danke“, und die Eltern atmen auf. Warum müssen wir es wieder lernen? Beziehungen können nicht einseitig gelebt werden. Wenn uns jemand ständig etwas schenkt, können wir nicht ständig das Geschenk nehmen, aber den Schenkenden ignorieren. Wenn ein Ehepartner ständig in die Ehebeziehung investiert, und der andere Ehepartner nicht darauf reagiert, kann die Beziehung dadurch belastet und gefährdet werden. So ist es auch bei Gott. Wenn wir ständig von Gott erwarten, daß er unsere Wünsche erfüllt, und wir uns wenig darum kümmern, was er von uns erwartet, wird es bald zu einem Beziehungsbruch kommen. Oder positiv ausgedrückt: Wenn wir in unserem Alltag erkennen, daß wir permanent von Gott beschenkt werden, wird unsere Beziehung zu Gott lebendig und unser Glaube gestärkt bleiben. Das wußte schon David, als er das Psalmgebet (Ps. 103) schrieb und mit einer Selbsterinnerung begann: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Danken heißt ‚denken‘
Bemerkenswert ist, daß das Wort ‚danken‘ dieselbe Wortwurzel wie das Wort ‚denken‘ hat. Wer dankt, gedenkt an das, was gewesen ist. In der guten Erinnerung können wir deshalb das, was wir heute erleben, ganz neu deuten. Fühle ich mich einsam, kann ich mich erinnern, wie Gott mir schon einmal nahe war. Ich kann deshalb heute beten: „Herr, ich fühle mich alleingelassen, aber ich danke dir, daß du mir nahe bist.“
Es ist geradezu eine Therapie für eine geistliche oder innere ‚Wüstenzeit‘, wenn ich mal 14 Tage jeden Tag eine ‚Dankliste‘ aufschreibe. Damit wird meine innere Dürre mit dem lebendig werdenden Vertrauen auf Gott neu gefüllt.
Danken heißt ‚auf den Kraftfluß achten‘
Mit einem technischen Bild des Kraftflusses in einem Stromkreis ausgedrückt: Nur das Schließen des Kreislaufs von Zufluß und Rückfluß bringt eine Lampe zum Leuchten. Gott ist die Kraftquelle. Von ihm empfange ich Gaben (Zufluß). Mein Dank gegenüber Gott ist der Rückfluß. Dadurch werde ich im Glauben gestärkt.Dadurch werde ich zum Licht in der Welt – durch den Glauben, der in der Liebe tätig ist (Mt. 5, 16). Dadurch werden andere Menschen angesprochen.
Könnte es sein, daß es deshalb in unserer übersättigten Konsumgesellschaft so wenig zufriedene, gesunde, menschen- und kinderfreundliche Menschen gibt, weil der Rückfluß auf Gott, den Geber aller Gaben, ausbleibt?
„Saget Dank Gott, dem Vater, allzeit für alles; im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ Das bringt Paulus in seinem Brief an die Epheser (5, 20) als Beispiel, wie wir von Gottes Geist neu erfüllt werden können. Aber auch hier kann der Glaube gefährdet werden. Vor allem, wenn wir in Zeiten der Anfechtung, der Krankheit und des Leidens kommen. Dann sagen wir: „Ich kann Gott doch nicht dafür danken, daß ich krank bin, daß mir ein geliebter Mensch durch den Tod von der Seite gerissen wurde!“ So werden wir in unserem Glaubensleben angefochten!
Damit wir aber auch in Krisenzeiten im Glauben fest bleiben können, mutet uns Gott noch eine 3. Klasse in der Gebetsschule zu.
3. Klasse der Gebetsschule: Lernen, Gott über alles anzubeten
Heiße Diskussionen gibt es unter Christen mit verschiedenen Frömmigkeitsstilen: Ob Anbetung notwendig und sinnvoll sei. Es entzündet sich vor allem an Formen, wie man Gottesdienste gestaltet oder an Gebetshaltungen, ob man die Hände heben soll oder daran, ob flotte, gefühlsbetonte Lieder angemessen sind oder nicht.
Für Jesus ist Anbetung die Erfüllung des ersten Gebotes: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.“ (Lk. 4, 8)
Anbetung meint,
- daß, wenn wir angefochten sind im Glauben, wir allein an Gott festhalten sollen (Lk. 4, 8)
- daß, wenn wir die guten Gaben Gottes genießen, Gott darüber ehren sollen (5. Mos. 26, 10)
- daß, wenn wir begeistert sind über die Nähe und Zuwendung Gottes, das auch mit allen Sinnen und „Herzen, Mund und Händen“ ausdrücken sollen (Jubel = Jes. 25, 9; Tanz = Jer. 31, 4+7 u. 2. Sam. 6, 5)
- in Zeit großer Angst und Aussichtslosigkeit, sich an Gott festzumachen und da-durch Stärkung und Hilfe zu erfahren (2. Chron. 20; Apg. 16, 25)
Anbetung ist also keine bloße Formsache des Betens, sondern zutiefst eine Haltung, die Gott „über alle Dinge fürchtet und liebt“ (Luthers Katechismus) und Gott in allem, im Schönen und im Schweren, Gott sein läßt. Darin sind wir mit dem Willen Gottes identisch. Daraus fließt große Kraft – auch in Zeiten schwerer Bedrängnis. Was Jesus im Garten Gethsemane gebetet hat, angesichts seiner Todesangst vor dem schweren Weg ans Kreuz, war ein Akt der Anbetung. „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ (Lk. 22, 42)
Anbetung relativiert die Probleme
Wer Gott anbetet, deutet die Welt, die Umstände, die Erfahrung, die Krankheit, das Leben von Gott her. Und nur so ist die Welt richtig gedeutet. Anbetung ist die einzig richtige Weltanschauung. Das erlebte auch die erste Gemeinde in Jerusalem, als sie von kirchlicher Seite Versammlungs- und Redeverbot bekam (Apg. 4, 23 ff), und aus der Anbetung mit neuer Kraft von Gott erfüllt wurde zum mutigen Zeugnis vor den Menschen.
Anbetung ist die ‚Relativierung‘ unserer Probleme und Schwierigkeiten auf Gott hin. Relativieren (aus dem Lateinischen) bedeutet: in Beziehung setzen.
- Ich bin ohne Durchblick in einer entscheidenden Frage. Ich setze es in Beziehung zu Gott. Ich kann ein wegweisendes Wort empfangen als ‚Einfall‘ oder bei der Bibellese (Ps.23,3).
- Ich bin schuldig geworden und habe mich verdammt. Ich setze es in Beziehung zu Jesus. Ich bin entlastet und darf mich frei von Schuld wissen (1. Joh. 1, 9).
- Ich bin ohne Kraft und Glauben. Ich setze es in Beziehung zu Gott. Ich darf in meiner Schwachheit die Kraft Gottes glauben und empfangen (2. Kor. 12, 10).
- Ich bin in Anfechung und Zweifel, weil sich an meiner schlechten, schlimmen Situation nichts ändert. Ich darf es in Beziehung setzen mit Gott, der sich mit mir solidarisch gemacht hat in seiner Anfechtung in der unabänderlichen Situation seines Sterbens. Deshalb empfange ich Hoffnung und Geduld, auszuharren bis Gott eine Tür öffnet und der Weg weitergeht (Rö. 5, 4-5).
Anbetung – Lebensstil der Gemeinde Jesu
Anbetung ist also das beharrliche Vertrauen auf Gott und seine Herrschaft in dieser Welt.
Anbetung – ein Lebensstil – für das persönliche Gebetsleben, aber auch als Ausdruck gemeinsamer Freude an Gott in unseren Zusammenkünften in der Gemeinde, im Hauskreis oder im Gottesdienst:
„Wenn ihr zusammenkommt (als Gemeinde), so hat jeder ein Loblied, eine lehrreiche Erkenntnis, eine Entdeckung, ein Sprachengebet, eine Auslegung. Laßt alles geschehen, damit der Einzelne aufgebaut wird.“
(1. Kor. 14, 26 – Elemente des urchristlichen Gottesdienstes)
So kann der Einzelne, der vielleicht selbst unsicher ist im Glauben oder angefochten oder schwach im Vertrauen auf Gott, hineingenommen werden in die heilsame und wirksame Gegenwart Gottes (Ps. 22, 1-6).
Eigentlich würde ich gerne eine 4. Klasse an die Gebetsschule anhängen. Aber das paßt nicht ganz ins Bild. Es müßte eher ein dauerndes „Praktikum“ des Gebets sein. Das Lehr-Ziel des Praktikums könnte heißen:
Wie kann ich die heilsame Kraft Gottes in meiner Umgebung freisetzen?
In Anlehnung an das Glühbirnen-Beispiel entdecken wir ein geistliches Lebensprinzip: Ich komme als Bedürftiger zu Gott in Anbetung, Dank und Bitte. Ich empfange selbst die Kraft Gottes. Ich werde zu einer Quelle für andere Menschen, indem ich im Gebet die Kraft Gottes freisetzen darf.
Wer im Gebet immer mehr in die Liebe Gottes hineinwächst, wird sehr bald auch sein Wesen und seinen Willen erkennen: Paulus erinnert Timotheus in seinem ersten Brief daran: „So ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen … Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter, welcher will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim. 2, 1+3-4).
Kirchenrat Oetinger hat einmal gesagt: „Beten heißt, Gottes Arm bewegen.“ Unser Reden, Bitten, Aussprechen vor Gott, bringt Gott in Bewegung. Er macht sich auf, um das zu tun, was er in seiner Weisheit tun will. Deshalb ist jedes Gebet erhört und aus jedem Gebet fließt die Kraft Gottes.
Freisetzen der Kraft Gottes durch Fürbitte
Die einfachste Übung ist das Fürbitte-Gebet: Ich nehme die Not anderer Menschen wahr, will ihnen helfen und komme dabei an meine Grenzen von Kraft und Zeit. Nun kann ich für den Bedürftigen als Stellvertreter vor Gott kommen und ihn bitten (eindringliches Beispiel: Abrahams Fürbitte für Lots Familie (1. Mos. 18, 16-33).
Fürbitte hat viele Möglichkeiten: vom spontanen Fürbittegebet, wenn mir mitten im Alltag ein Mensch, eine Situation, ein Problem einfällt bis zur regelmäßigen Fürbitte (als Kraft-Verteilungs-Aktion) nach einer Liste, die in meiner Bibel steckt.
Freisetzen der Kraft Gottes durch das Segensgebet
Wir finden noch eine weitere Form des Gebets, wie die heilsame Kraft Gottes zu den Menschen kommt: Das Segnen. In 4. Mos. 6, 22-27 lesen wir eine konkrete Handlungsanweisung Gottes an die Priester im Alten Testament: Wenn sie diese Anweisung ausführen als Handlungsbevollmächtigte, verspricht Gott, den ausge-sprochenen Segen in Kraft zu setzen und zu verwirklichen. Der Segnende ist jetzt auf einmal zum Stellvertreter Gottes gegenüber den Befürftigen geworden.
Nach 1. Petr. 2, 9 und 3, 9 sollen alle Glaubenden priesterliche Menschen sein, die den Segen Gottes anderen zusprechen sollen:
Der Segen über einem Kind, das verängstigt nicht einschlafen kann: Die Mutter wird über den Kopf streichen und kann beten:“ Der Herr ist dein Freund. Er paßt auf dich auf, denn er hat dich lieb. Du stehst unter seinem Schutz.“
Der Segen in der Seelsorge: Da war einer sich der Liebe Gottes nicht mehr sicher, weil er Schuld auf sich geladen hatte. Nach dem Aussprechen der Schuld und der Bitte um Vergebung spricht ihm der Gesprächspartner zu: „Im Namen Jesu sind dir deine Sünden vergeben. So wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich Gott über dich. Sei gesegnet mit der Liebe Gottes. Sie erfülle dein Herz und deine Gedanken. Sie sättige dich in deiner Seele, daß du im Frieden Gottes weitergehen kannst.“ Nicht weil der Seelsorger die Macht hätte, sondern weil Gott dies Gebet in Kraft setzt, kann der Gesegnete mit freiem Herzen aufstehen und befreit im Glauben weitergehen
Der Segen über Kranken: Bei Jakobus finden wir eine weitere praktische Anweisung:
„Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde (= gläubige Verantwortliche), daß sie über ihm beten und ihn salben mit Öl (= Zeichen für die heilsame Kraft Gottes) in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten. Und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.“
(Jakobus 5, 13-15)
Es geht beim Gebet für Kranke nicht um Glaubensexperimente oder Wunderglaube, sondern um das Hineinstellen des Kranken in die heilsame Gegenwart Gottes, die den Kranken anrührt, aufrichtet und Besserung bringt für Leib, Seele und Geist. In manchen Fällen schenkt Gott aus seiner Barmherzigkeit auch eine zeichenhafte Heilung, die darauf hinweist, daß Gott am Ende aller Zeit alle Krankheit und alles Leiden samt dem Tod und aller Verderbensmächte beseitigen wird (Offbg. 21, 3-5). In diesem Glauben soll der Kranke inmitten der Gemeinde eingebettet, getragen, gestärkt und begleitet werden.
Diese Beispiele für das Freisetzen der Kraft Gottes durch unser Beten könnten endlos fortgesetzt werden. Sie zeigen, daß unser Gebet eine von Gott gegebene Berufung ist, als Handlungsbevollmächtigte des lebendigen Gottes ein Kanal für Gottes gute Gaben zu sein. Das gilt auch gerade angesichts unserer Begrenztheit und Unzulänglichkeit. Gerade darin kommt Gottes Kraft zur Auswirkung (2. Kor. 12, 9). Durch bedürftige Menschen will Gott Menschen, die bedürftig sind, sich als der gute Vater seiner Kinder zeigen, der weiß, was sie bedürfen. Darin kommt die faszinierende Zusage Jesu ans Ziel: „Wer Durst hat, der komme zu mir und trinke. Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“ Als die Bedürftigen können wir aus der Kraftquelle Gottes schöpfen und werden darin selbst zur Quelle für andere. Das ist das Lernziel der Gebetsschule Jesu.
