Seelsorge als Grundgabe zu einem gesunden Christsein – Gedanken zu 1. Thessalonicher 5,11-24
von Martin Lorch, Quelltext #15
Über- oder herausgefordert?
„Da gingen die Lichter aus!“ – so erzählen Menschen, die eine Katastrophe erlebt haben. Zunehmende Dunkelheit, das erfahren Menschen, die in letzter Zeit die Nachrichten aus aller Welt verfolgen. Da erschießt ein frustrierter Schüler seine Lehrer wie auf dem Schießstand. Eine Gesellschaft ist fassungslos! Da werden Flugzeuge mit Hunderten von Menschen zu Terror-Bomben umfunktioniert. Da hält ein Vater seine kleine Tochter mit einem Sprengstoff-Attrappengürtel als zukünftige Selbstmord-Attentäterin in die Kamera. – Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Die Angst, vor dem was kommt, wird spürbar. Die Hilflosigkeiten der Verantwortlichen und Politiker wird in den Medien diskutiert. – Weltuntergangsstimmung?
Manche Katastrophen sind bei weitem nicht so weit weg und erschüttern vielleicht öffentlich kaum noch jemanden: Da verliert jemand seinen Arbeitsplatz wegen Mobbing, da zerbricht eine Ehe – ist doch schon normal, oder? Zerrissene der Herzen und Seelen von Ehepartnern und deren Kindern – wen interessiert das? Da versucht einer seit 2 Jahren Arbeit zu finden, was soll man da auch machen? Da bräuchte dringend einer Unterstützung, weil er mit seiner Belastung nicht klar kommt. Mit wem könnte er reden? Die Therapeuten haben Wartezeiten: Wer soll das am Ende zahlen? Wie reagieren wir Christen auf solche Herausforderungen? Dieses Thema beschäftigte auch die Christen in Thessaloniki in Griechenland. Paulus als Apostel schrieb ihnen einen Brief, den wir heute in der Bibel abgedruckt finden.
„Ihr seid alle Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. …. Wir, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unseren Herrn Jesus Christus“
(1.Thess. 5, 5+8+ 9)
Das entspricht dem, was Jesus gesagt hat in der Bergpredigt:
„Ihr seid das Licht der Welt! Lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen!“
(Mt 5, 14+16)
Die Menschen heute sind ratlos und haltlos. Sie suchen Antworten. Wir als Christen brauchen Mut, die guten Antworten Gottes, die wir aus unserem Glauben und aus dem Wort Gottes bekommen, zu sagen und danach zu handeln. Wir merken, wir brauchen vielleicht selbst zuerst die Ermutigung, um dann andere in unserem Umfeld zu ermutigen und mit Vertrauen, Liebe und hoffnungsvoller Perspektive „Licht“ zu sein und vom „Licht zu zeugen“.
Das können wir weder als solche, die sich für ihr Christsein entschuldigen und deshalb Glaube „privatisieren“, noch als „Einzelkämpfer“. Paulus schreibt: „Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“ (V11). Nun folgt eine Praxisanleitung zu einem Thema, das in den Kirchen häufig zu einem Nebenthema geworden ist oder den Psychologen überlassen wird.
I. Seelsorge – wozu ?
Ganz anders bei Paulus: V11 ist ein Schlüsselvers um zu verstehen, was Seelsorge ist und wie sie geschehen soll, damit Christen ermutigt werden zu einem ansteckenden, gesunden Christsein. „Darum ermahnt euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.“
Paulus prägt zwei Grundworte der Seelsorge:
1. Durch Ermahnen ermutigen?
Seelsorge wird normalerweise als ein autorisiertes Handeln der Institution Kirche, auf ein kirchliches Amt beschränkt, verstanden. Der Pfarrer ist also der Seelsorger, der ermahnen soll. Dabei denkt man vielleicht an den erhobenen Zeigefinger und an entsprechende Ratschläge. Der griechische Wortsinn heißt etwas anderes: parakalein – „herzugerufen werden“. Das Wort kommt uns bekannt vor aus Joh. 14,26: Jesus kündigt das Kommen des Heiligen Geistes an. Er nennt ihn dort „Paraklet“. M. Luther hat es mit „Tröster“ wiedergegeben, auf lateinisch hieße es „advocat“. Also ist dies eine Haltung des Beistehens für einen Menschen in schwieriger Lage im Sinne des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist versteht sich zuerst als Mittler zwischen Gott, Vater und Jesus und dem Menschen. Seelsorge ist also ein Verhalten, das dem entspricht, wie Jesus mit Menschen geredet und gehandelt hat, geprägt von einem tiefen Vertrauen zu Gott-Vater und einer annehmenden Liebe zu den Menschen und in allerletzter Konsequenz auch eine Liebe zur Wahrheit. Ermahnen müsste deshalb besser und umfassender mit Ermutigen übersetzt werden!
2. Baut einander auf!
Das zweite Wort für Seelsorge ist dasselbe Wort wie für „Häusle bauen“ (griech: oikodomein). Paulus benützt dieses Bild als Allegorie für das Aufbauen unseres Lebenshauses: Wer will denn schon in einer windschiefen Bruchbude hausen? Lebensschicksale können unser Lebenshaus kräftig geschädigt haben: Stimmt unser „Fundament“ oder ist es brüchig? Die Probleme, eingangs beschrieben, sind Hinweise, dass das gute Fundament des Glaubens fehlt. Sind wir (als Lebenshaus) „aufgerichtet“? Worauf richtet sich unser Leben? Wir „brauchen eine Richtschnur“ als Orientierung. Sind wir gut „verankert“? Denn erst dann kann das „Dach“ als Schutz gegen „Sturm und Schlagwetter“ stabil bleiben. Paulus schreibt an anderer Stelle (1.Kor.6,19), dass unser Lebenshaus eigentlich ein Gotteshaus (Tempel) sein soll, wo Gott wohnen will.
Seelsorge ist also eine Haltung eines „Aufbau-Helfers“, der sich für den anderen engagiert, damit für ihn Stabilität möglich wird. Die beste Stabilität eines Menschen wird dort möglich, wo er Klarheit bekommt in seinen drei wesentlichen Bedürfnissen: „Ich will angenommen werden. Ich will wertvoll sein. Ich will gebraucht werden.“ Seelsorge ist insofern Gestalt gewordene Liebe, die den andern annimmt, wertschätzt und hilft, dass er seine Begabung freisetzt.
II. Wer ist dafür verantwortlich?
„Ich bin Seelsorger!“, so stelle ich mich gelegentlich vor, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde. „Dann sind sie also Pfarrer!“ Das muss ich dann verneinen. Diese Reaktion begegnet mir häufig. Seelsorge wird in unseren Gemeinden als Hauptaufgabe des Pfarrers gesehen. Wenn man allerdings fragt, wer denn schon zum Pfarrer gegangen ist, um ein Seelsorge-Gespräch zu vereinbaren, sind es erstaunlich wenige. „Er hat ja sowieso so viel zu tun!“ Ich verweise dann auf die Möglichkeit, vor Ort doch auf andere Seelsorger (unter den ehrenamtlichen Mitarbeitern) zuzugehen. Die Antwort lautet meistens: “Ich weiß niemand in meiner Gemeinde, mit dem ich reden könnte!“
Einer für alle? Ein paar wenige Spezialisten für das Ganze?
1. Einer dem andern
Paulus hat eine andere Vorstellung: V11 lesen wir: “untereinander“, „einer dem andern, wie ihr auch tut“. Paulus geht davon aus, dass jeder Glaubende einer sein kann, der einem anderen begegnet, ihn wahr nimmt und zuhört. Der seelsorgliche Umgang miteinander im Sinne des Beistehens und Ermutigens ist also eine Grundgabe an jeden Glaubenden in der Gemeinde, wie eben auch Glaube, Liebe, Hoffnung als die größten Gaben Gottes durch den Heiligen Geist (1. Kor.13,13) gegeben werden. Man könnte ja geradezu sagen: In dem Maß, wie Glaubende in der Gemeinde miteinander umgehen im Glauben, in der Liebe und in Hoffnung, weist hin, wieviel dem Geist Gottes Raum gegeben wird. Diese sind das Kennzeichen eines lebendigen Christseins und deshalb auch einer lebendigen Gemeinde.
Andererseits brauchen hier die Gemeindeglieder viel Ermutigung und Befähigung, damit sie ihre Grundgabe entdecken und damit gut umgehen können.
2. Die euch vorstehen und an euch arbeiten!
Jemand hat die Kirche als „schlafenden Riesen“ bezeichnet, der „geweckt“ werden müsse. Ein Unternehmensberatungsinstitut hat einmal eine Landeskirche untersucht. Im Bericht stand zu lesen: „Die Kirche hat erfreulich viele ehrenamtliche Mitarbeiter. Aber das Problem ist, dass sie ihre Mitarbeiter zu wenig wertschätzt, fördert und befähigt.“ Paulus selbst sah seine Hauptaufgabe darin, Menschen in die Mitarbeit zu berufen, und zwar „solche die fähig sind, auch andere zu lehren.“ (Titus. 2.2.) Dasselbe „Prinzip der Multiplikation“ entdecken wir im Epheserbrief (4, 11-16): „Und Jesus hat einige …. eingesetzt, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi aufgebaut werden.“ Solche Prinzipien werden heute auch im modernen Management angewandt. Wir sollten sie heute als Chris-ten wieder entdecken als ureigenste christliche Berufung und Gabe. Dies wird heute modern als „Sozialkompetenz“ bezeichnet.
Ich will das an dem Modell des
sogenannten „Hauskreises“ verdeutlichen. Kirche soll ja nicht Veranstaltungsinstitution
sein, sondern eine lebende Beziehungsgemeinschaft. Deshalb ist es notwendig, „sich hin und her in den Häusern“ zu treffen (Apg.2,46). Leider ist
all zu oft ein Hauskreis zu einer „Veranstaltung“ geworden mit Programm und
geistig hochstehenden Themen. Der Hauskreis sollte aber eigentlich ein Ort
sein, wo persönliche Anteilnahme, gegenseitige Akzeptanz, ermutigendes Umgehen
miteinander und persönlicher Ausdruck des Glaubens entstehen kann, ganz im
Sinne von Apg. 2,42 (Gute Nachricht): „Sie
blieben beständig beisammen; sie ließen sich von den Aposteln unterweisen und
teilten alles miteinander, feierten das Mahl des Herrn und beteten gemeinsam.“
Es ist auch heute offensichtlich, dass das am besten geschieht, wenn diese
beiden seelsorglichen Verantwortlichkeiten in einer Grup-pe oder Gemeinschaft
zusammen wirken = Jeder soll bewußt seine „Sozialkompetenz“ entfalten, indem er
mit anderen Beziehungen erlebt und seelsorglich gestaltet („Erzähl doch, wie
geht es dir?“) Dass diese Kompetenz bei den Einzelnen freigesetzt wird und eine
solche „Wachstumsgruppe“ /Hauskreis sich darin einüben kann, braucht es die Mitarbeiter,
die die anderen wie Trainer anleiten, ermutigen, Einzelnen nachgehen und auf
die Klärung und Umsetzung der Wachstumsziele achten, die der Kreis sich selbst
gegeben hat.
3. Einander zu einem neuen Denken helfen
In 1.Thess. 5,V12: heißt es: „die euch ermahnen“ (M. Luther). Im griech. Wortsinn „nouthetein“ entdecken wir, wie vielfältig Seelsorge sein kann. Es wäre am besten zu übersetzen mit „helfen, die Gedanken zu klären.“ Die Wortwurzel nou steckt auch in nous = Verstand oder in dem Hauptwort der Predigt Jesu = „Metanoiete“ („M. Luther: Tut Buße!“), eigentlich wörtlich „“Denkt um!“ Seelsorge ist also ein Prozess des Hörens, Verstehens und Austausches darüber, dass Gedanken geklärt werden und dass Denkweisen über Gott, über sich selbst oder über andere Menschen falsch sein können. Wer etwas verkehrt denkt, tut nachher etwas Verkehrtes und verfehlt möglicherweise sein Ziel. Zielverfehlung wiederum ist die wörtliche Über-setzung von „hamartia“ (griech.) = Sünde im Neuen Testament. Deshalb kann die in unserer modernen Gesellschaft praktizierte Ideologie „Jeder muss selbst wissen, was er tut“, für uns Christen nicht sinnvoll sein, sondern (1.Thess.5, V21): „prüft alles, und das Gute behaltet!“
Was das Gute ist, kann nur von der höchsten Instanz der Welt her geklärt werden: Von Gott her und wie er sein Denken uns offenbart hat in der Bibel und in der Person Jesus, dem Christus. Deshalb ist es sinnvoll, dass Mitarbeiter in der Gemeinde und Gemeindeglieder geschult werden und sich auch schulen lassen zu einem biblisch -theologisch geprägten Denken. Es gibt heute ein reichhaltiges Angebot für biblisch-theologische Seminare, für Leitungsaufgaben oder für seelsorgliches Handeln.
In der seelsorglichen Begleitung braucht es hier auch den Mut, seine eigene Grenze der Gaben einzuschätzen und ratsuchenden Menschen dazu zu ermutigen, dass sie bereit werden, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, angefangen von erfahrenen Seelsorgern in der Gemeinde bis hin zur therapeutischen Hilfe. Dabei ist ganz wichtig, dass man solchen Menschen nicht vermittelt, dass sie „abgeschoben“ werden, sondern dass z.B. der Mitarbeiter einschließlich der Mitglieder des Hauskreises sich seelsorglich um einen Menschen annehmen und ihn in der Zeit einer Therapie oder eines Klinikaufenthaltes begleiten.
III. Wie kann Ermutigung geschehen?
1. Haltet Frieden mit jedermann
Kriege werden deshalb geführt, weil jemand nicht genug gekriegt hat. Sobald er Macht (oder Waffen) erhält, pervertiert er zum „Krieger“, um sich aggressiv zu holen, was er glaubt zu brauchen. Das geht zu Lasten der „Verlierer“, die dadurch zu jemand werden, die nicht genug kriegen… der Kreislauf der Aggression ist entstanden. Solche Kreisläufe gibt es zwischen Völkern, Rassen, Ideologien, Theologien. Sie gibt es zwischen Mann und Frau in der Ehe, in den Schulen, hinterm Lenkrad, am Arbeitsplatz, zwischen Nachbarn und in Familien.
Man kann den Eindruck bekommen, dass das „Genug kriegen“ in unserem reichen Land Deutschland meist nicht (nur) mit dem Materiellen zu tun hat, sondern mit der inneren Erfüllung des Herzens.
Jesus war einer, der den Frieden gepredigt hat, nicht als Abwesenheit von Aggression und Krieg, sondern als aktive, veränderte Verhaltensweise eines Glaubenden, der aus der Erfüllung des Glaubens aus Gott so viel „genug kriegt“, dass er anfangen kann, in seinen Beziehungen die „Strömung“ umzudrehen: Nicht alles für mich, sondern alles was ich bin und habe, habe ich empfangen als Gabe von Gott für mich und für dich. Das hat Jesus vorgelebt. Dahinein hat er seine Nachfolger gerufen. Frieden halten (1.Thess.5,13) heißt lernen, solange im Gespräch, in der Begegnung offen zu bleiben, bis die Bedürfnisse und Erwartungen gegenseitig verstanden sind und dann die Beteiligten in ihrer Kreativität eine Lösung finden, womit beide Beteiligten zufrieden sind. Das kann man lernen, sowohl für Völker (nach dem Zweiten Weltkrieg ist Europa + Deutschland ein gutes Beispiel), wie auch für Konfliktsituationen am Arbeitsplatz, wie auch für Ehekonflikte. Der Mangel an gesundem Selbstbewußtsein, sowohl als überzogene Aggression wie auch als übermäßige Anpassung, wirkt sich destruktiv in Konflikten aus. Einander ermutigen würde bedeuten, einander zu einem gesunden Selbstbewußtsein aus Gottes Annahme zu verhelfen, aus dem heraus die Annahme des anderen folgt (Rö.15,7) und eine Gesprächs-, Konflikt- und Beziehungsfähigkeit eingeübt werden kann. Viele Mobbingsituationen wie auch Trennungen in Ehen, Familien könnten dadurch bewältigt werden. Übrigens ein gesundes Selbstbewußtsein aus der guten Gottesbeziehung ermöglicht auch, Stress abzubauen und so das Burnout zu verhindern. Gelassenheit ist eine gute Gabe des heilsamen Glaubens an Gott.
2. Aus dem Takt geraten oder taktisch klug?
1.Thess. 5,14: „Weist die Unordentlichen zurecht!“ Ist Seelsorge nun doch als „Belehrung mit ausgestrecktem Zeigerfinger“ zu verstehen? Wenn wir wieder das griechische Wort „Ataktos“ (die aus dem Takt Geratenen) anschauen, fällt die Wortwurzel Takt auf (von „Taxis“ = Ordnung). Der Dirigent eines Orchestern achtet darauf, dass die Musiker zusammenspielen und im Takt bleiben. Das Ergebnis ist ein guter Zusammenklang.
Der Fußballtrainer beurteilt die Leistung seiner Fußballmannschaft, ob sie taktisch gut eingestellt sind. Damit meint er die Vorgabe, wie sie zusammenspielen sollen, um den Gegner zu besiegen. Einem aus dem Takt geratenen Menschen ermutigen würde bedeuten, ihm zu helfen, dass es in seinen Problemfeldern zu einem konstruktiven Zusammenspiel mit Beziehungen und Umständen kommt. Die taktische Anweisung aus dem Wort Gottes kann dazu die Hilfe sein. Ein solches Verhalten ist taktisch klug.
3. Einander die Seele stärken
„Macht eure Kinder stark!“, so lauten die Plakate der Anti-Drogen-Aktion des Bundesgesundheitsministeriums. Wie werden wir andere stärken können, die „wenig Psyche“ haben (wörtlich übersetzt „Kleinmütige“, 5,14)? Wenn wir unsere vordergründige Einteilung von sympathisch oder unsympathisch auflösen können und einander in unseren menschlichen Grundbedürfnissen begegnen, werden wir einander in der Psyche stärken. Die drei Grundbedürfnisse sind:
- angenommen werden,
- wertgeschätzt werden
- gebraucht werden.
Paulus schreibt im Epheserbrief 3,16, dass das „stark werden im inneren Menschen“ durch die Bitte um den Heiligen Geist geschieht mit der Wirkung, dass „der Glaube in unseren Herzen wohnt“ und wir „eingewurzelt und gegründet sind in der Liebe“.
Wie können wir einander vermitteln, dass wir einander annehmen, einander Wertschätzung vermitteln und einander brauchen?
4. Profil gewinnen – nach dem Guten streben
Zunächst schreibt Paulus (5,15) von dem Verstärker-Kreislauf der Destruktion, der Vergeltung durch Steigerung der destruktiven Mittel (mit Bösem vergelten). Wenn wir streiten, fangen wir vielleicht an, aufzurechnen, den anderen abzuwerten, alte Munition aus dem Keller zu holen, die Lautstärke zu steigern, Gegenstände zu werfen …? „Überwinde das Böse mit Gutem!“ (Röm. 12.21) „Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses!“ (Rö.13,10).
Der Kreislauf der Vergeltung kann nur durchbrochen werden durch Vergeben. Vergeben heißt, dass ich mein momentanes Defizit an Angenommen-sein oder Wertschätzung und Recht im Streit nicht ausgleiche durch den Kreislauf der Vergeltung, sondern durch das „Hingeben“ meiner Situation, Gefühle und Gedanken in die Liebe Gottes. Gott wird dadurch für mich zum Beistand. Meine Wertschätzung und mein Angenommen-sein klärt sich in der Erfahrung der annehmenden, wertschätzenden Liebe Gottes zu mir. Daraus kann ich erkennen, dass auch mein Streitgegner in demselben Verhältnis zu Gott steht, zumindest was das Angebot Gottes für ihn betrifft. Dadurch kann ich frei werden, meine Lautstärke, Ausdrucksweise, also meine Redeweise zu verändern. Ich werde vielleicht in die Lage versetzt, meinen Standpunkt und den Standpunkt des anderen zu verstehen. Das kann ich dem andern als Verständnis entgegen bringen. Das kann eine Brücke zur Verständigung schlagen.
Am Ende kann ich mich mit dem anderen verständigen und zu einer Lösung kommen, mit der beide Seiten zufrieden sind. Das wird nicht immer gelingen, weil der andere vielleicht letztlich nicht heraustreten will aus dem Kreislauf der Vergeltung. Entscheidend ist aber, dass ich für meinen Teil meine Verantwortung wahrnehme und zum Guten bereit bleibe. „Bemüht euch immer einander und allen Gutes zu tun.“ (1. Thess. 5,15). Es gibt aber auch eine Grenze meiner Verantwortung: „Ist es möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ (Röm. 12,18). Einander ermutigen, könnte bedeuten, einander zu einem Profil des guten Wollens, Handelns und Redens zu verhelfen, ähnlich dem Beistand Gottes im Heiligen Geist, der uns in den Frieden mit Gott hineinstellt.
IV. Ein Lebensstil der Gelassenheit ist möglich!
Ab V16 kommt eine Reihe kurzer „Erinnerungen“ an die Gemeinde in Thessalonich, wie geistliches Leben gut gestaltet werden kann. Paulus hat die Gemeinde darin bereits gelehrt, aber er erinnert daran, weil er weiß, dass vieles schon wieder abgeflacht und vergessen worden ist unter der Last des Alltags und den Sorgen über die Zukunft.
1. Allezeit fröhlich!
Geht das auf Befehl? Wieder hilft ein Blick auf das griech. Wort „chairein“ = freuen, chara = Freude und Charis = Gnade. Es geht also nicht um eine zerstreuende Freude wie in einer „Fun-Gesellschaft“, in der die Probleme verdrängt werden, sondern um eine Konzentration auf die Lebensmitte im Glauben an Jesus. Von dort empfangen wir alles Nötige, selbst in unseren Krisen, Lasten und Leiden. Das ist der entscheidende Grund unserer Freude. Unsere Freude soll sich an der Freude Gottes an uns entzünden. Ermutigen heißt also, auf den wahren Grund der Freude hinweisen in Christus und daraus die Kraft zu schöpfen für die Bewältigung unserer Krisen.
2. Betet ohne Aufhören!
Natürlich ist nicht gemeint, dass Christen ständig Gebete vor sich hinmurmeln und mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen herumlaufen sollen. Vielmehr ist eine Vertrauenshaltung gemeint, die in innerer Verbindung bleibt, in einer Übereinstimmung des Wohlwollens und des Vertrautseins, fast wie bei einem Liebespaar. Da wird auch nicht ständig geredet, aber man weiß, der andere ist da, und wenn ich ein Problem habe, kann ich sofort die Kommunikation beginnen, wohl wissend, dass der andere mir mit Wohlwollen begegnet und mir mit allem, was er ist, zur Verfügung steht. So will Gott im Heiligen Geist für uns da sein. Ermutigen heißt also, andere zur Kontaktpflege ermuntern und vor allem das Mißtrauen und die Enttäuschung gegenüber Gott zurücknehmen.
3. Seid dankbar in allen Dingen
Danken ist eine Konsequenz gesunden Denkens. Wenn wir nachdenken, erkennen wir, woher wir kommen, wer unser Leben füllt, woher wir alles haben und wohin Gott mit uns will. Gesunde Gedankenklärung, so haben wir vorher Seelsorge definiert. Es gibt also eine Seelsorge an sich selbst als Nachdenken, wofür wir Gott dankbar sein können. Paulus ermutigt sogar, in allen Dingen zu danken. Das meint sicher nicht fatalistisch für Leid oder Krankheit zu danken, sondern als Kranker oder Leidender sich jederzeit in der guten, barmherzigen und heilsamen Gegenwart Gottes zu wissen und darin zu danken.
4. Den Geist dämpft nicht
Gott ist ein Beweger, ein Schaffer, ein Veränderer, ein Heiler, deshalb sind die größten Charismen Glaube, Liebe, Hoffnung (1.Kor.13). Den Geist dämpfen können wir mit Klein- oder Unglauben, Lieblosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Gott will mit uns weitergehen, aber wir ziehen nicht mit. Gott sei Dank, dass er eine große Geduld mit uns hat. „Achtest du gering den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zum Umdenken leitet?“ (Röm. 2,4). Das Gegenteil des Dämpfens ist ja, Luft (griech. Pneuma = Heiliger Geist) ans Feuer zu lassen, dass es entfacht wird zur hellen Flamme. So kann und soll unser Glaube lebendig werden und sich in unserem Verhalten als Liebe auswirken. Oft hilft es, dabei die „Klappe“ zu öffnen (wie beim Ofen), damit Gottes Geist in unser Denken, Fühlen, Leben kommt. Ermutigen kann hier heißen, vor Gott die „Klappe nicht zu halten“ und füreinander und miteinander unsere Anliegen und Bedürftigkeiten vor Gott im Gebet laut werden lassen.
5. Achtet auf das, was von Gott her gesagt wird!
Gott redet zu uns. Hören wir vielleicht nicht darauf, weil wir so sehr beschäftigt sind, auf die vielen Stimmen um uns herum zu hören? Oder weil wir im Selbstgespräch versunken sind? Oder weil wir Angst vor dem haben, was Gott uns sagen wollte? Gott redet – durch das Wort in der Heiligen Schrift, durch die Auslegung, die einer im Namen Jesu uns sagt, durch den Mitglaubenden, der uns im Namen Gottes etwas Konkretes in meine Situation hinein zuspricht. Es ist gut, dass das nicht als „Überlegenheit“ von oben nach unten geschieht, z.B. im Sinne von: „So spricht der Herr“ … oder „Gott hat zu mir gesagt, dass Du …“, sondern Gott gibt uns die Möglichkeit und die Aufgabe zu prüfen. Keiner hat allein die Weisheit und die Wahrheit gepachtet. Wir brauchen das Miteinander im Hören, im Prüfen und in der Ermutigung, etwas, was wir von Gott gehört haben, zu tun.
6. Prüfet alles, behaltet das Gute!
Welche großmütige Lebenshaltung eröffnet uns Paulus. Christsein hat nichts mit einseitiger Verengung zu tun, sondern mit einer Haltung eines „Fischers“, der mit leerem Netz auf den See fährt, sein Netz auswirft und einholt. Wieder am Ufer sortiert er seinen Fang und freut sich über gute Beute. Das unnütze Zeug wirft er in den See zurück. Gott ist der Schöpfer, er hat uns die Welt gegeben. Deshalb dürfen wir weltoffen unseren Glauben leben. Gottes guter Geist leitet uns an, zu sortieren und einen lebensbejahenden Glauben zu gestalten. Im Miteinander können wir uns gegenseitig zur Klärung ermutigen. Von Gott dürfen wir den Mut erbitten, auch gegen Trends und Meinungen des „Mainstreams“ in unserer Gesellschaft Stellung zu beziehen und auf die guten Normen und Worte unseres Lebens auf Gott als clevere Alternative hinzuweisen. Unsere Gesellschaft, in der so viel Orientierungslosigkeit herrscht, hat dies bitter nötig.
V. Werden wir es können?
Der Briefabschnitt gipfelt in den Versen 23+24:
„Gott, der uns seinen Frieden schenkt, vollende euch als sein Volk und bewahre euch unversehrt an Geist, Seele und Leib, damit ihr fehlerlos seid an dem Tag, an dem Jesus Christus, unser Herr, kommt. Gott, der euch berufen hat, wird euch auch vollenden, denn er steht zu seinem Wort.“
1. Thess. 5, 23+24 (Gute Nachricht)
Das ist eine tolle Zusage: Gott, der uns in seine Gemeinschaft, in seine Gemeinde und in seinen Dienst (z.B. in der Ermutigung) berufen hat, übernimmt für alles die Verantwortung. Wir dürfen alles auf seine Kosten und aus seinen Kräften und Gaben tun. Er sorgt dafür, dass wir am Ziel ankommen. Gott ist 100% verlässlich. Das ist größte Ermutigung für alle, die sich in die Gemeinschaft des Glaubens und in den Dienst in irgendeiner Form rufen lassen. Gott ist der, der die Kunst des Ermutigens am besten beherrscht, nachzulesen von Seite 1 bis Schluss in der Bibel, millionenfach bezeugt durch Menschen, die dies durch die Geschichte der Menschen erlebt und erfahren haben. Gott schafft es mit jedem von uns. Deshalb werden wir es können.
„Treu ist er der euch ruft; er wird’s auch tun.“ Sie haben richtig gelesen! Es ist kein Grammatikfehler! Wir sind leider oft genug daran gewöhnt worden durch einen Ruf über zwei Stockwerke, dass wir jetzt etwas zu tun hätten. Gott ist aber anders. Wo er den Menschen ruft, bleibt er dabei, die erste Verantwortung aufrecht zu erhalten und die notwendigen Gaben dem Menschen anzubieten. Gibt es ein deutlicheres Zeichen der liebevollen Treue Gottes zu uns Menschen?
