Gedanken zur Selbstannahme
von Martin Lorch, Quelltext #4
Was ist wertvoll?
‚Wert‘ ist das, wonach wir uns mit allen unseren Kräften und Sinnen ausstrecken, wo wir allen Einsatz hineininvestieren. Das ist das, was wert macht. Martin Luther hat das einmal auf den Punkt gebracht: „Da, wo dein Herz hängt, da ist dein Gott.“ Das ist das, was ‚Wert‘ ist.
- Wert ist das, was etwas kostet. Deshalb ist in unserer Gesellschaft das Kaufen, das Haben, das Materielle so wichtig. Wenn wir viel haben, dann sind wir viel wert.
- Wert ist das, was wir Einfluß nennen. Ich habe das Sagen, ich bin der Bestimmer, ich habe die Macht. Deshalb bin ich wichtig. Daraus entspringen Machtkämpfe in Beziehungen, Konkurrenzdenken, Geltungsbedürfnis.
- Wert ist, was wir in den Augen anderer sind, was andere über uns sagen. Ich muß gut sein, gut ankommen, alles recht machen.
- Wert ist, was wir leisten. Für diese Werte zahlen wir meist einen ‚hohen Preis‘ an Anstrengung. Oft verdoppeln wir unsere Anstrengungen, sind sogar zum Verzicht und Opfer bereit. Wir opfern uns auf für den Ehepartner, für die Kinder, in der Gemeinde, im Beruf – und erwarten, dadurch etwas wert zu sein. Wir haben unsere Persönlichkeit preisgegeben und hoffen jetzt auf Anerkennung und Glück. Aber das Gegenteil tritt ein, weil die Umwelt dieses Opfer kaum registriert. Wir sind tief enttäuscht: „Ich habe mich aufgeopfert und was kommt dabei heraus? Ich werde nur ausgenutzt!“
Diese Haltungen sehen bei Christen auch noch besonders fromm aus, scheinen die Erfüllung des christlichen Glaubens zu sein. Aber es ist ein religiöses Opfer, ein selbsterlösendes Opfer. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ (Goethe) Aber dieses Opfer wird keine Erlösung bringen, sondern nur krank machen.
Unsere Werte im Alltag
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem jungen Mann: „Ich gehe ins Bett, um fit zu sein, um am nächsten Tag arbeiten zu können. Ich arbeite, damit ich abends müde ins Bett falle. Und dann geht alles wieder von vorn los. Was ist eigentlich mein Leben wert? Ich will nicht, daß auf meinem Grab steht: Arbeit war mein Leben! Wo bleibe ich eigentlich?
Ist das alles? Ich habe ‚Reste‘: nicht genug geschlafen, nicht genug gearbeitet. Deshalb muß ich sonntags aufarbeiten, was unter der Woche liegengeblieben ist. So geht es einfach nicht. So kann es nicht gehen!“
- Es gibt ein fatales Mißverständnis: Wir sagen Liebe und meinen Leistung. Wenn man Kindern z.B. sagt: „Sei lieb!“ und eigentlich meint: „Jetzt bitte ich dich um eine Leistung, nämlich daß du mir entsprichst und dich wohl verhälst, Ruhe gibst und gehorsam bist. Wenn du das gemacht hast, bekommst du die Belohnung: Das, was ich als Liebe rüberbringe.“ Wir merken gar nicht, daß wir Liebe sagen und Leistung meinen. Liebe ist keine Leistung. Eigentlich wäre Liebe ja dann gefragt, wenn z.B. ein Kind eben keine Leistung bringt.
- In der Partnerbeziehung sagen wir ‚Liebe‘ und meinen: „Ich habe es für dich getan. Nun mußt du mir etwas leisten. Erfülle bitte meine berechtigten Ansprüche.“ Aber der andere erfüllt sie nicht. Das wird auf Dauer eine Beziehung nicht durchtragen. Der Partner zieht sich tief gekränkt zurück. „Ich habe mich aufgeopfert! Ich habe alles gegeben und was kam dabei heraus? Es wurde nicht registriert, es wurde nicht beachtet!“ Da haben wir jetzt einen anderen Wert: Ich möchte alles opfern, damit ich erlöst werde. Erlösung bedeutet: wir wollen eine Lösung herbeiführen, wir wollen die Probleme damit lösen. Wir wollen Liebe über Anerkennung bekommen. Aber ich bekomme sie nicht. Die Kinder geben keinen Deut darauf. Dann sage ich: „Solche undankbaren Kinder!“ Oder „Du hast mich nicht lieb!“ wenn der Ehemann das, was die Frau in die Ehe oder Familie hineininvestiert, vor lauter Arbeit gar nicht wahrnimmt. Oder die Ehefrau nimmt nicht wahr, was der Mann außerhalb von zuhause macht.
In der Krise: Was bin ich wert?
Wir merken, daß diese Werte uns manchmal so selbstverständlich sind, daß wir gar nicht weiter darüber im Alltag nachdenken. Solange alles gut läuft in unserem Leben, im Beruf, in der Partnerschaft, in der Familie, glauben wir, daß wir auf gutem Fundament stehen.
In der Krise wird schnell offenbar, daß diese Werte brüchige Fundamente sind. Beziehungsprobleme, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Verlust eines lieben Menschen – das alles offenbart, ob die alten Werte in der Krise durchtragen. Wir sagen dann: „Es hat alles keinen Wert!“ Es fällt auf uns selbst zurück. „Ich bin selber nichts wert. Ich schaffe es nicht. Ich kann nicht mehr. Ich bin ein Versager, ein Verlierer!“
Wir machen uns ein Bild von uns. Wir sind wertlos. Wir haben kein Selbst-Wert-Gefühl, kein Selbst-Vertrauen mehr. Wir beginnen zu klagen und klagen uns selbst an. Wir haben ein falsches Selbst-Bild.
In Gottes Augen: Ich bin wertvoll
Hinzu kommt, daß wir unser falsches Selbst-Bild auch auf Gott übertragen. Wir meinen, Gott wäre einer, der uns noch mehr Last auflegt, uns noch mehr abfordert. Wir müßten uns noch mehr anstrengen, noch mehr leisten, noch mehr beten, noch mehr Bibel lesen.
Viele Christen leben mit einem schlechten Gewissen gegenüber dem Vater-Gott. Wie einer, der das Gefühl hat: „Wenn ich nach Hause komme, dann kommt’s raus, dann wird’s offenbar, was nicht stimmt.“ Das ist ein falsches Bild von Gott. Die Krise unseres Selbstwertgefühls ist auch die Krise unserer Gottesbeziehung.
Gott sei Dank, daß Gott hier widerspricht. Wenn wir in die Bibel schauen, können wir an ganz vielen Stellen diesen Widerspruch Gottes als Umwertung unserer Werte feststellen. Wir lesen Gottes Liebeserklärung:
„Nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob und dich gemacht hat, Israel. Fürchte dich nicht; denn ich habe dich erlöst und dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. […] Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben und Kusch und Seba an deiner statt, weil du in meinen Augen so wertgeachtet bist und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe!“
(Jesaja 43, 1-5)
Gott widerspricht dem, daß wir sagen: „Es hat keinen Wert“, weil er einen anderen Wert geschaffen hat. Und das aus Liebe, nicht weil er sagt: „Ihr seid so nette Kerle, da kann man gar nicht anders, da muß man einfach etwas Gutes tun.“ Nicht, weil das Gottes- volk so fromm war oder so gehorsam. Die Bibel ist voll von solchen Geschichten, wie das Volk es eben nicht schafft und allen möglichen anderen Werten (Götzen) hinterherrennt. Und Gott sagt: „Weil ich dich liebhabe, habe ich dich freigekauft, habe ich einen Gegenwert geschaffen, der dich herauslöst aus aller Wertlosigkeit oder allem Verkauftsein an andere Menschen, Mächte oder Worte.“
Inzwischen wissen wir, daß Gott nicht Völker geopfert hat, sondern sich selbst in Christus und das Lösegeld (zum Freikauf eines Sklaven) bezahlt hat (Mk. 10, 45). Das war soviel wert! Seine Liebe ist so kostbar, daß er diesen Gegenwert geschaffen hat und gesagt: „Jetzt sollt ihr wissen, ein für alle mal (d.h. bis in Ewigkeit), daß ihr wertgeachtet seid in meinen Augen, weil ich euch lieb habe!“
Wenn wir sehen wollen, wie Gott mit Werten umgeht, dann müssen wir anschauen, wie Jesus gelebt hat, wie er mit Menschen umgegangen ist, wie er geliebt hat, wie er ‚wertlose‘ Menschen angenommen hat und sie aufgewertet hat. An der Art und Weise, wie Jesus Menschen liebt, sollen wir das Wesen Gottes erkennen:
„Wer mich sieht, sieht den Vater.“
(Joh. 14, 9)
Gott sei Dank, daß der Vater widerspricht. Dies erzählt Jesus im Gleichnis der verlorenen Söhne (Lk. 15, 11 ff):
Da kommt dieser eine heim, der alles in den Sand gesetzt hat und sagt: „Ich habe gesündigt, Vater, vor dir, ich bin nicht wert, daß ich dein Sohn heiße. Ich opfere meine Sohnschaft. Mach mich zu einem deiner hinterletzten Hilfsarbeiter.“ Und was macht der Vater? Nickt er betroffen und sagt: „Du hast recht. Ich nehme dein Opfer an. Raus mit dir!“? Nein, der Vater rennt auf ihn zu, schneidet die Selbstanklage ab und sagt: „Jetzt ist es doch gut! Du bist jetzt bei mir. Jetzt wird ein Freudenfest gefeiert. Ich nehme dein Opfer nicht an! Du bist mein geliebter Sohn!“
Paulus beschreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom ein Bild (Römer 8, 31 ff). Er schildert eine Szene wie eine Gerichtsverhandlung. Zuerst treten Ankläger auf, dann tritt Gott auf – natürlich als der Richter, der ein endgültiges Urteil fällt.
„Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns dahingegeben. Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?“
(Römer 8, 31 ff)
Die Ankläger rollen Anklageschriften aus, listenweise steht drauf: „Der Angeklagte hat dieses und jenes nicht getan. Da ist er schuldig geworden. Dort ist er hinter allem zurückgeblieben.“ Und ich kann nur noch verzagt sagen: „Ja, das stimmt!“ Und jetzt fange ich auch noch selber an, meine Rolle aufzurollen und zu sagen: „Ja, ich bin nichts und kann nichts und ich bin wertlos.“ Selbstanklage!
Paulus widerspricht heftig: „Haltet den Mund! Verstummt ihr Kläger! Was wollt ihr denn eigentlich? Es ist alles erledigt! Es ist schon bezahlt. Es ist schon gesühnt durch Christus am Kreuz!“ Es ist Christus, der alle Lastschriften auf sich genommen hat. Gott ist für uns! Deshalb wird keine Revision zugelassen, weil die Sache ein für alle mal geklärt ist. Freispruch! Jesus machte sich wertlos, damit wir vor Gott wertgeachtet werden (Phil. 2, 6-11). Gott hat damit alle Werte umgewertet:
„Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi und von der Liebe Gottes, die in Christus ist.“
(Phil. 2, 6-11)
Weil Gott uns anders anschaut, dürfen wir unsere Wert-Anschauung verändern. Wir müssen das Bild Gottes in uns verändern. Wir müssen Gott anschauen, wie er wirklich ist. Wir müssen eigentlich mit den Augen Jesu schauen lernen. Wir müssen mit Augen des Glaubens und des Vertrauens auf Gott schauen. Wir müssen Gott anschauen und sagen: „Ja, er ist mein Vater!“ Von daher können wir uns selbst annehmen. „Ja, ich bin das geliebte Kind. Ich bin wertgeachtet in seinen Augen.“
Praktische Schritte vom Angenommen-Sein zur Selbst-Annahme
1. Sich Zeit nehmen, um Gott anzuschauen
Gut, es ist ein Kampf. Es ist so viel zu tun und man könnte noch mehr tun. Wenn wir alles getan haben, können wir immer noch sagen: „Jetzt könnte man den Tag verlängern und dann könnte man noch mehr tun.“ Bitteschön, das ist nicht unser Wert, ob wir alles geschafft haben! Deshalb können wir uns Räume schaffen, um Gott zu begegnen.
Es liegt am Temperament, ob abends oder morgens oder sonst wann. Das aber ist wichtig, daß wir die Begegnung mit Gott im Gebet zur festen Lebensgewohnheit machen. Es gibt ganz viele Beispiele in der Bibel, wo Menschen dieses praktiziert haben. Z. Bsp.: Josafat (2. Chr. 20, 1-30). Er hat einen Drohbrief bekommen. Er hat ihn vor Gott ausgebreitet, hat angefangen, Gott anzuschauen, und er ist gewiß geworden, daß Gott ihm beisteht gegen seine Feinde. Außerdem ist er auf eine verrückte Idee gekommen: Er hat vor die Soldaten, die zur Verteidigung aufmarschieren sollten, den Posaunen- und den Kirchenchor gestellt. Die sind vorneweg marschiert und haben Lob- und Anbetungslieder gesungen.
So erlebten sie noch während des Betens und Singens, daß Gott rettend eingegriffen hat. Ist dies nicht eine Umwertung der Werte? Uns geht es vermutlich nicht so schlimm wie Josafat. Aber wir können anfangen, mit unseren Bedrängnissen zu Gott zu kommen und einstimmiger Kirchenchor zu sein – Gott zu loben und ihn anschauen und sagen: „Du bist Herr. Du bist Gott – auch über diese Situation und Probleme!“
2. Ausleeren und empfangen
Viele Menschen haben etwas hineingelegt in unser Leben – Gutes und weniger Gutes: unsere Eltern, unsere Lehrer, unsere Verwandtschaft, unsere geistlichen Väter und Mütter. Diese Menschen haben uns manchmal auch ziemlich schwierige Dinge hineingelegt. „Ich will, daß es meine Kinder besser haben!“ Das klingt gut, doch das kann schon eine Last sein, die Eltern ihren Kindern auferlegen, die sie nicht tragen können. Dadurch können Ängste, unerfüllte Ansprüche und Überforderungsgefühle in unser Denken und Empfinden kommen. Wir fangen an, bei der Nachbarin zu klagen, im Hauskreis und bei unserem Ehepartner oder vielleicht sogar noch vor den Kindern und jammern. Es ist alles sehr verständlich, aber es hat keine Erlösungskraft! Nur wenn wir zu Gott klagen, sind wir an der richtigen Adresse (Joh. 7, 37-38).
Wir sollen lernen zu klagen, unser Gefäß vor Gott auszuleeren. Dann werden wir frei werden, das zu empfangen, was Gott gibt: das Gute, das Schöne, das Barmherzige, die Kraft, den Glauben, die Hoffnung, die Liebe – alles Gaben, die Gott geben will. Aber oft empfangen wir so wenig, weil wir so wenig ausgeleert haben. Da ist noch so viel Altes drin, daß das Neue kaum Platz hat. Es ist immer wieder wichtig, mit unseren Lasten zu kommen und uns leerzumachen, das Herz auszuschütten, um zu empfangen.
Ich mache es manchmal so, daß ich ein Blatt Papier zur Hand nehme und meine ‚Lastschrift‘ schreibe. Ich schreibe alles auf, womit ich nicht zurande komme. Dann schreibe ich darunter: „Hiermit übergebe ich alle Lasten dir, Herr Jesus und danke dir, daß du sie trägst. Danke, daß du mir jetzt dafür deine Gaben gibst!“ Dann kann ich aufschreiben, was ich alles brauche: Kraft, Glaube, Liebe, konkrete Hilfe in konkreten Angelegenheiten. Ich schließe diese Liste mit dem Satz: „Danke, daß ich das alles jetzt empfangen habe!“ – Datum und Unterschrift – wie bei einer Empfangsbestätigung, die bezeugt, daß etwas vollzogen wurde.
3. Sich selber annehmen
Gott hat „Ja“ zu uns gesagt. Deshalb können wir uns selbst bejahen. Gott geht gut mit uns um, deshalb können auch wir gut mit uns umgehen. Gott liebt uns, deshalb können wir uns selbst lieben. Ist das Doppelgebot Jesu nicht eigentlich ein Dreifach-Gebot?
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Das andere ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
(Mt. 22, 37-40)
Warum ist in frommen Kreisen die gesunde Selbstliebe immer so verdächtig? Nur wer sich selbst als wertvoll annimmt, kann im echten Sinn andere annehmen und lieben.
Sich selber annehmen! Das muß man vielleicht immer mal wieder ganz konkret vollziehen. Wenn ich manchmal den ganzen Tag an mir herumkritisiere, mich selbst fertigmache, mich selbst verachte, halte ich inne und fange an, mich in die Liebe Gottes hineinzubeten. Dann vollziehe ich einen konkreten Schritt der Selbstannahme: Ich vergebe mir selbst, weil Christus mich angenommen hat (Rö. 15, 7).
4. Die Umstände relativieren
Wenn wir das Wort ‚relativieren‘ analysieren, dann heißt dies ‚in Beziehung setzen‘.
Setzen Sie Ihre Umstände, Probleme und Leiden in Beziehung. Die Frage ist: „Zu wem?“
Natürlich zu Gott. Alles was mir widerfährt, binge ich zu Gott, laste ich ihm auf. In Christus hat Gott zugesagt, daß er die Last trägt (Mt. 11, 28ff). Ich bete über meiner Last, über meinem Leiden, über meiner Krankheit, auch über einem Todesfall. Ich sage: „Du, Gott, bist größer als das!“ Ich schaue über allem Gott als größer an. Und er ist auch größer! Ich setze es in Beziehung zu ihm und ich entdecke, daß ich für meine Leiden und meine Lasten neue Hoffnung und Kraft bekomme, weil ich sie anders anschauen kann. Ich habe etwas anderes, wovon ich leben kann, nämlich das Gebet und den Glauben an Gott.
Damit habe ich alles, auch das Nicht-Verstehbare, eingeordnet in den Glauben. Damit habe ich die Bewertung meiner Leiden, Schwierigkeiten und Umstände umgewertet. Das heißt nun nicht, daß sich sofort auch die Umstände ändern, aber jetzt darf ich die vielen Verheißungen Gottes für mich in Anspruch nehmen, daß sich meine Umstände verändern, daß ich Kraft empfange, daß ich in dieser Liebe bin und daß ich in der Gewißheit bin, es wird einen Ausgang geben, es wird weitergehen. Manchmal sieht man es nicht sofort, aber dann tun sich Türen auf und es geht weiter (Apg. 16, 25-26).
5. Das Wertgefühl-Programm tauschen
Bei einem Computer muß man manchmal das Progamm tauschen, damit er die Dinge besser verarbeitet. Bei uns ist es manchmal so, daß in uns etwas wie ein Programm steckt:
Egal, was passiert, wir reagieren immer aus der gleichen Ecke: manche mit Ängsten, manche nach der Methode ‚Angriff ist die beste Verteidigung‘.
Wir haben Grundmuster, mit denen wir reagieren. Es ist wichtig, daß wir uns diese Programme bewußt machen. Wo sie gut sind, brauchen wir sie nicht zu verändern. Wo ich merke, daß ein falscher Wert auftaucht, muß ich es verändern. Dazu brauche ich vielleicht mal andere, die mir dazu helfen und auf das Programm Gottes hinweisen:
„Dein altes Programm hilft dir nicht. Ändere doch mal dein Programm.“
Vielleicht kennen wir Shakespeare’s Schauspiel „Prinz und Bettelknabe“: Eines Tages ist es einem Königskind zwischen all dem Gold und den Edelsteinen langweilig geworden und es hat mit einem Bettlerjungen getauscht. Sie haben die Kleider gewechselt und der Bettler ist plötzlich zum Königskind geworden und der Königsjunge ist ins Elendsviertel gegangen. Das war natürlich abenteuerlich, was dann passiert ist.
Aber genau das ist es: Wir müssen unsere die Kleider wechseln! Wir laufen mit Lumpen herum. Wir tun so, als ob wir Bettler wären. Und in gewissem Sinne sind wir ja auch Bettler: Bettler, die beim König gelandet sind und der sagt: „Jetzt hör auf zu betteln! Du bekommst ein neues Kleid, du bekommst das Sohn- bzw. Tochter-Recht. Du bist mein geliebtes Kind. Jetzt bist du Prinz bzw. Prinzessin. Und jetzt lebe auch so.“
Das vergessen wir oft und ziehen schnell wieder unsere Königsklamotten aus und leben wieder wie die Bettler. Wir müssen unsere Kleider tauschen! Wir dürfen in diesem Selbstbewußtsein, ein Königskind zu sein, leben und handeln (Offbg. 1, 6).
6. Die Berufung entdecken
Wenn ein Königskind irgendwo lebt, hat es Würde und Vollmacht, selbst wenn es Bettlerklamotten trägt. Es ist zwar schwierig für das Königskind, sich in Bettlerkleidung Gehör zu verschaffen, aber es kann jetzt aus dieser Würde und Autorität handeln – im Namen des Königs. Das ist auch unsere Aufgabe – nicht mehr und nicht weniger. Gott hat jedem von uns zugesprochen, daß, wenn wir sein Kind sind, wir auch in seinem Namen handeln dürfen (1. Thess. 2, 11-12).
Dazu hat er uns Gaben gegeben. Aus Gaben ergeben sich Aufgaben. Doch jetzt brauchen wir nicht wieder in’s alte Fahrwasser der Aufopferung und Überforderung zu kommen, sondern Gott gibt uns nur soviel an Aufgaben, wie wir Kraft und Gaben haben – nicht mehr. Gott hat uns noch nie überfordern wollen. Das tun nur wir selbst mit unseren alten Werten.
Wir dürfen fragen: Wozu hat Gott mich gesetzt? Was ist mein Ort? Was ist mein Platz?
Was ist meine Rolle? Daß wir uns dabei aber auf Gott ausrichten und nicht auf Menschen, die uns natürlich auch an einen Ort stellen wollen und uns eine Rolle zudenken.
Andererseits brauchen wir auch die Hilfe anderer, die uns dabei helfen, zu sortieren: Was ist jetzt meine Last? Was ist sie nicht? Was ist meine Gabe? Was ist meine Aufgabe? Gott hat uns nicht dazu berufen, alle Lasten zu tragen! Das tut er selbst. Sondern er sortiert und sagt: „Das ist etwas, das du tragen sollst und ich gebe dir die Kraft, daß du es tragen kannst. Das andere mußt du nicht tragen.“ (Mt. 11, 28-30)
Wir dürfen auch abgrenzen! Mütter dürfen gegenüber Kindern abgrenzen oder ein Ehepartner gegen den anderen. Mitarbeiter dürfen auch gegenüber ihren Chefs oder anderen, die Anforderungen stellen, abgrenzen. Und Kinder dürfen gegenüber übereifrigen Eltern abgrenzen. Es ist spannend, aber man kann es lernen. Entscheidend ist, daß wir immer wieder vom Wert Gottes, von seiner Liebe und seinem Angenommensein her leben. Von daher können wir auch Gelassenheit haben, wenn wir in diesem Prozeß der Umwertung unsere Werte stecken. Wir dürfen dazu Gottes Weisheit erbitten (Jak. 1, 5).
