Aufbrechen in die Zukunft #9

Von der Seelsorge Jesu lernen

von Martin Lorch, Quelltext #9

Die denkwürdige Begegnung der beiden resignierten Jünger auf dem staubigen Weg nach Emmaus (Lk. 24, 13-35) ist für mich eine der faszinierendsten Oster-Erzählungen. Mit diesen beiden Jüngern kann ich mich identifizieren. Von ihrer Glaubenserfahrung werde ich angesteckt. Diese Erfahrung des Glaubens können auch heute unsere persönliche Erfahrung werden – sei es, daß wir – wie diese beiden Jünger – erleben, wie wir aus einer Resignation plötzlich aufbrechen können mit neuer Hoffnung – oder, daß wir als Mitarbeiter in der Gemeinde von der Art und Weise der Seelsorge Jesu lernen, wie wir resignierten Menschen begegnen können.

DAS PROBLEM – VERLETZT DURCH ENTTÄUSCHUNG 

Da schlurfen zwei Gestalten mit hängenden Schultern und Köpfen über den steinigen Weg hinunter nach Emmaus, einem Dorf etwa 30 Kilometer entfernt von Jerusalem. Sie gehen schweren Schrittes, obwohl es bergab geht – manchmal schweigend – vor sich hinstarrend – dann wieder heftig diskutierend. Wieder und immer wieder fangen sie von vorn an: „Warum? Warum mußte das geschehen? Warum hat Gott nicht eingegriffen?“ Sie sind tief verletzt von dem, was in den letzten Tagen in Jerusalem geschehen war; – verletzt deshalb, weil sie sich in ihrem ganzen Glauben und Leben auf diesen Jesus aus Nazareth eingelassen hatten; verletzt deshalb, weil ihre Bilder von Gott, von Glauben und von Gottes Macht total zerbrochen wurden. Sie mußten den „dicksten Brocken“ ihres Lebens verdauen: Sie werden irre an Gott und sind auf dem Weg der Resignation, auf dem Rückzug in das Normale, Alltägliche – aber ohne Glauben.

  • Sie hatten geglaubt, daß die Machtfrage endlich gelöst würde: Gott ist der alleinige, mächtige Gott, der jetzt seine Herrschaft aufrichten würde:
  • Dann mußten sie ohnmächtig zusehen wie die religiösen und politischen Führer sich dieses „religiösen Spinners“ entledigten. Gibt es nun Gott oder nicht? Ist er mächtig oder (nach B.Brecht) ein „Guter Opa, Total Taub“? * Sie hatten geglaubt, die Schuldfrage sei gelöst: Jesus war doch der Unschuldige und Gerechte, der allein zeigen konnte, daß eine Welt ohne Schuld und Ungerechtigkeit möglich wäre. Jetzt hatten ihn korrupte, falsche Zeugen verleumdet und unfähige, nur an ihrem Machterhalt interessierte Volksführer durch einen Justizskandal beseitigt. Schreiende Ungerechtigkeit! – Wo bleibt Gottes Gerechtigkeit? Trifft den Unschuldigen oder den Schuldigen gleichermaßen nur ein blindwütiges Schicksal?
  • Sie hatten geglaubt, die Leid-Frage wäre geklärt. Ein solch glaubender, heiliger Mensch wie Jesus, dem müßte Gott doch beistehen durch unüberwindliche Kraft und Vollmacht. Kann denn einer, der so kläglich scheitert,von Gott kommen?

Wer hier aufmerksam auf seine eigene, innere Stimme gehört hat, hat vielleicht entdeckt, daß solche Fragen immer wieder in uns bohren. Solange alles läuft und es uns gut geht, geht es mit unserem Glauben an Gott auch gut. Wenn wir aber in Krisen kommen durch unvorhergesehene Ereignisse, kann unser Glaube schnell ins Wanken geraten. Eine solche Krise offenbart schonungslos, welches „Bild“ wir von Gott haben: „Hast du Jesus, dann hast du keine Probleme“. – „Christen sind immer fest im Glauben – Probleme haben sie keine.“ – „Wenn du glauben würdest, dann wärst du jetzt gesund!“- „Du vertraust Gott nicht richtig, sonst hättest du schon wieder einen neuen Arbeitsplatz!“

Unsere Krisen führen in den Zerbruch unserer falschen Bilder von Gott, von uns selbst und von unseren Lebensentwürfen. Wo etwas zerbricht, da tut es sehr weh. Schmerzen möchten wir vermeiden – also zurück in das Gewohnte und Sichere, weg von den unbeantworteten Fragen in das Alltägliche, zurück nach „Emmaus“.

DAS KOPF – HERZ – PROBLEM

Wer den Schmerz vermeiden will in seinen Krisen, ist gefährdet, ungesund damit umzugehen:

  • Schweigen – Es in sich hineinfressen und grübeln: Die beiden Männer  reden wenigstens darüber…..
  • Verdrängen – Der Schmerz wird unterdrückt. Man lenkt sich ab durch  „vernünftige“Dinge: arbeiten – für andere da sein – sich etwas Gutes  gönnen – aber das Herz bleibt ohne Frieden…..
  • Andere anklagen – wütend werden – sich aufregen . immer wieder die  Schuld vorwerfen….
  • Sich selbst bemitleiden – sich selbst Vorwürfe machen, sich selbst  herabsetzen…

Am Ende solcher Prozesse scheint es gelöst zu sein: Ich habe alles wieder im Lot! Im Kopf glauben wir weiter an Gott. Wir lesen ab und zu in der Bibel und beten auch. Wir gehen auch dann und wann in den Gottesdienst. Aber das Herz ist leer und unzufrieden. Unsere Gefühle sind zugedeckelt. In unserem Herz „lebt“ der Glaube nicht mehr. Deshalb kommt er auch nicht ins alltägliche Leben. Das Leben mit seinen Schwierigkeiten prägt unseren Glauben, anstatt der Glaube unser Leben prägen würde. Kopf und Herz – Theorie und Praxis – Glaube und Leben klaffen auseinander. Wir sind gefährdet, zu resignieren und uns zurückzuziehen.

DER SCHLEICHENDE AUSSTIEG AUS DER HOFFNUNG

Wir nennen uns Christen, sind wahrscheinlich Mitglied in einer Kirchengemeinde, nehmen vielleicht rege teil am Gemeindeleben, ja engagieren uns sogar als Mitarbeiter – und können doch ohne Hoffnung sein. Menschen ohne Hoffnung und Perspektiven powern aus. Alles scheint auf Rückgang (Arbeitsplätze, Finanzen, Gottesdienstbesuch, Mitgliedszahlen, zurückgehende Teilnahme an Gruppen und Veranstaltungen. Rückgang an sozialem Engagement…..) programmiert zu sein. „´S ist halt, wie´s ist“ oder „Es ist mir alles zuviel“, scheinen weit verbreitete Lebensgefühle zu sein. Schwer wird´s, wenn daraus noch ein „Ich kann nicht mehr!“ wird.

Möglicherweise ist uns dies nicht sehr bewußt. Wir ignorieren die Anzeichen, daß wir aus der Substanz der eigenen Kraft leben, bis wir irgendwann nicht mehr können…..

DIE ÜBERRASCHENDE BEGEGNUNG

Die beiden Männer diskutieren betroffen. Sie merken fast nicht, daß da ein anderer hinzugekommen ist. Sie haben „Tomaten auf den Augen“, können nicht erkennen, um wen es sich da handelt. Wer in seiner Krise um sich selbst kreist, kann mögli­cherweise nicht mehr richtig wahrnehmen. Sie sind mit sich selbst, mit ihren Fragen mit ihrem Schmerz beschäftigt.Gott ist scheinbar weit weg! Sie merken nicht, daß er unerkannt schon in Jesus da ist. Jesus handelt, so wie Gott schon oft gehandelt hat. Die Bibel ist voll davon, daß Gott den Menschen wahrnimmt (bei Hagar: 1.Mos. 16, 13) in seiner Not und mit seinen Zweifeln. Jesus schaut nach den zerstreuten, am Boden liegenden Schafen, die scheinbar keinen Hirten mehr haben (Mt.9, 36) und will sie zum Glauben rufen und sammeln wie ein guter Hirte. Jesus handelt schon lange, bevor wir überhaupt denken und wahrnehmen. Haben wir das nicht schon oft erfahren? Könnte es deshalb heute auch noch so sein?

Damit ist eigentlich schon erklärt, was Seelsorge ist:

Den anderen in seiner Betroffenheit, Last oder Not wahrzunehmen und bereit sein, ihm zu begegnen, vielleicht  sogar auf dem Weg – am Gartenzaun, vor dem Super­markt, nach dem Gottesdienst, nach der Veranstaltung, bei einer Tasse Kaffee. Früher hatte ich „Ängste“ in solchen Situationen (Tomaten auf den Augen?): „Was soll ich ihm denn sagen? Bin ich dem gewachsen? Weiß ich eine Antwort?“ Heute hilft mir als Seelsorger die Gewißheit: Wo ich im Namen Jesu einen Menschen wahrnehmen will, darf ich davon ausgehen, daß Jesus im Geist mit mir und dem andern ist (Mt.18,20).

DAS AUSGESCHÜTTETE HERZ

Seelsorge – so denken manche- sei eine schwierige Sache und deshalb nur etwas für Spezialisten. Natürlich gibt es dafür gute Ausbildungen und braucht es eine beson­dere Begabung, wenn wir an den qualifizierten, erfahrenen Seelsorger denken. Für Paulus ist aber Seelsorge eine Grundgabe an jedes Gemeindeglied (1. Thess. 5,11). „Ermahnt einander und einer baue den anderen auf.“ Seelsorgerliches Handeln ist weniger eine besondere Methode oder Technik, sondern eher eine Haltung des bedingungslosen Annehmens und der Offenheit, also etwas, was jeder einüben kann in Begegnungen mit anderen Menschen. Jesus fädelt sich mit einer schlichten Frage in die Diskussion der Jünger ein (V.17): „Was sind das für Dinge, die ihr verhan­delt?“ Zunächst muß er die Entrüstung der beiden aushalten: „Bist du der einzige, der nicht weiß….?“ Wir spüren den ganzen Frust hinter dieser nicht gerade höf­lichen Antwort. Jesus aber begegnet den beiden mit bedingungsloser Annahme. Er fragt einfach weiter (V.19): „Was denn?“ Das „lüpft“ den beiden die Zunge und den Deckel ihrer Gefühle! Es bricht förmlich aus ihnen geraus. Sie holen kaum noch Luft. Es sprudelt in bunter Mischung: Sachinformation, Erwartungen, Enttäu­schung, Schrecken, Ratlosigkeit, Skepsis, Zweifel, Resignation.

Jesus will sie annehmen, auch wenn er eine andere Perspektive hat. Er will zu ihnen stehen, er will sie verstehen. Indem er mit einfachen Fragen nachfragt, nimmt er Anteil an ihrem Ergehen. „Da bleiben sie stehen“ (V.17).

Wer verstanden wird, bleibt stehen, öffnet sich und schüttet sein Herz aus. Hier fängt das „Brennen“ ihres Herzens an (V.32), weil sie die Annahme und Liebe dieses Menschen erfahren. Das ist ja schon ein heilsames Handeln, wenn wir es nicht mehr mit uns selbst ausmachen, sondern unsere „Innerung“ zur „Äußerung“ wird. Dann können wir damit umgehen und anfangen,es zu verarbeiten.

Im seelsorgerlichen Gespräch Jesu entdecken wir bisher 2 Schritte: 1. Wahrnehmen und Zuhören 2. Nachfragen und Klären. Jesus macht nun einen 3. Schritt: „Deuten und Erkennen“.

DIE UNFASSLICHE ANTWORT

Jesus sagt in V.25 wörtlich: „O ihr Nichtverstehenden und im Herzen Langsamen, zu glauben aufgrund von allem, was die Propheten gesagt haben!“ Zunächst klingt es wie eine Kritik oder Rüge. Wir entdecken aber zwei wichtige Abläufe für die Veränderung eines belasteten und resignierten Menschen.

1. Wer nicht versteht, muß lernen, seinen Verstand zu gebrauchen. Seelsorge ist Gedankenklärung. Jesu wichtigste Botschaft in seinen Predigten: „Denkt um und glaubt an die Frohbotschaft!“ (MK 1,15). Seelsorge bedeutet, einem Menschen zu helfen, seine falsche Denkweise zu erkennen und sie zu verändern.

2. Wer in seinem „Herzen langsam“ ist, ist jemand, der die Abläufe seiner Emotionen kontrollieren oder dämpfen will. Das hat den einfachen Grund, die unangenehmen Gefühle wie Schmerz, Angst, Ärger, Zorn, Trauer zu kontrollieren oder zu verdrängen. Wer kontrollieren will, verlangsamt die Handlungsweise. Kontrollieren bedeutet Sich-sicher-fühlen, Es-im-Griff-haben. Wenn ein Mensch depressiv reagiert, wird er „müde“. Er wird langsamer sprechen. Er wird manches „herausfiltern“ und nicht mehr voll wahrnehmen. Es ist eigentlich eine Schutz­reaktion. Jesus will die Jünger aus diesem Bremsvorgang und aus dem falschen Denken herausführen, weil sie die Wahrheit erkennen sollen. Diese Wahrheit wird sie frei machen (Joh.8,32). Ihr altes Denken war so auf den Gott des Alten Testa­mentes gerichtet: Nur ein herrlicher, siegender, starker Gott konnte es sein.

Jesus aber bringt es auf den Punkt: Gottes Herrlichkeit wird gerade in seinem Lei­den und in seiner Ohnmacht sichtbar. Darin ist er der, der in allem überwindet und siegt. „Der gekreuzigte Gott“ ist nach wie vor auch heute noch eine Provokation für jeden religiösen Menschen. Bei Paulus lesen wir (1.Kor.1,18): „Das Wort vom Kreuz (Christi) ist eine Torheit für den Verlorenen, für uns Geretteten ist es eine Gotteskraft. „Mußte nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit ein­gehen?“(V.26). Dieses göttliche „Müssen“ drückt den unerschütterlichen Gottes­willen aus. Gott will dem Menschen mit bedingungsloser Liebe begegnen. Dazu aber muß er eine gerechte Lösung schaffen. Welcher Mensch kann gleichzeitig bedingungslos lieben und gleichzeitig gerecht sein ohne Ansehen der Person? Gott ist der einzige, der dies zusammengebracht hat in Christus.

Jesus deutet das Ereignis seines Sterbens und Auferstehens völlig neu. Es ist kein Scheitern, sondern Gott hat darin die Macht-, Schuld- und Leidfrage gelöst.

Damit ist jetzt offenbar, wer der Gott des Alten Testaments wirklich ist: Wer Jesu Leben, Sterben und Auferstehen anschaut, schaut den leidenschaftlich liebenden Gott. Wer sich damit „identifiziert“, entdeckt seine eigentliche Identität: „Ich bin das geliebte Kind Gottes, an dem Gott wohlgefallen hat.“ Wer daran glaubt, tritt in diesen neuen Bund Gottes (das Neue Testament) und empfängt alle Kraft und alle Segnung aus dem neuen Leben in Christus. Damit ist auch die Gottesfrage geklärt. In Christus finden wir Antwort auf alle offenen Fragen des Lebens und seinen Sinn.

EINE HEISSE BIBELSTUNDE

Da wäre ich gerne dabeigewesen, als Jesus den Jüngern ausgelegt hat, angefangen von Mose (z.B.: 5.Mos.18,15) bis zu den Propheten. Es ist zu vermuten, daß Jesus den Psalm 22 erwähnt hat. Er hat sich ja auch in seiner Sterbestunde damit identi­fiziert (Mk 15,34). Ganz gewiß hat Jesus auch das Kapitel 53 aus dem Propheten Jesaja zitiert. Das ist die Schlüsselstelle für das Verständnis des Leidens, Sterbens und Auferstehens Jesu. Der dort erwähnte Gottesknecht nimmt stellvertretend und sühnend alle Verachtung, Schuld, Schmerz, Wunden, Krankheit, Strafe, Folter, Angst, Ungerechtigkeit und unschuldigen Tod auf sich – also alles, was Menschen be­lasten, verderben und vernichten will – damit Menschen durch Gott alle Wertachtung, Heilung, Vergebung, Befreiung, Glaube, Gerechtigkeit und ewiges Leben empfangen können. Darin „gelingt der Plan“ Gottes zur Heilung der Welt. (Jes.53,10)

Das ist für den Verstand schwer fassbar, aber der Glaube darf es annehmen und glau­ben: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein!“ (EKG 27 ) Kein Wunder, daß das Herz der beiden Männer – vorher noch schmerzend von der bitteren Enttäuschung – jetzt unter dieser Zuwendung des merkwürdigen Wegbeglei­ters und durch seine deutenden, gute Worte ihr Herz immer „brennender“ wurde aus lauter Freude und Trost.

VERNÜNFTIG BITTEN

Kein Wunder, daß jetzt, als diese „heiße“ Bibelstunde ans Ende kam und ihr Heimatdorf vor ihnen lag, sie in typischer orientalischer Manier diesen Wanderer „hereinnötigten“ – einerseits der gerühmten oreintalischen Gastfreundschaft wegen, andererseits, um dieses „Brennen“ noch mehr zu erleben. Sie sprechen die berühmte Bitte aus: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget“(V.29). Oft schon wurde dieser Text als Abendlied oder -kanon gesungen, aber es verbirgt sich darin das Geheimnis der geistlichen Stärkung. Es gibt kein „vernünftigeres“ Gebet oder eine bessere Bitte als diese: „Herr bleibe bei mir, bei uns…“ Damit wenden wir uns in den Liebes- und Kraftstrom Gottes hinein (Ps. 50,15; die „Telefonnummer“Gottes). „Welche Jesus aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden!“(Joh.1,12).

Vielleicht ist unser Christsein so saft- und kraftlos geworden weil wir so wenig konkret und vollziehend beten und bitten? Auch in der Seelsorge braucht es nach einem klärenden Gespräch den Mut, Raum anzubieten für einen veränderden Voll­zug oder eine festmachende Entscheidung vor dem Angesicht Gottes. Das ist der 4. Schritt in der Seelsorge Jesu: Vollziehen und Empfangen. Er will den Menschen beteiligen, Verantwortung zu übernehmen, entweder in einer Bitte oder in einem Vollzug einer Entscheidung. So empfängt der Mensch die Kraft Gottes.

EIN ENTSCHEIDENDER ROLLENTAUSCH

Der Merkwürdigkeiten ist kein Ende. Kaum haben sie den Tisch gedeckt mit ihren einfachen Gaben, ergreift der Fremde das Brot und spricht das jüdische Tischgebet. Sie sind ganz verdattert, denn immerhin hätte dies das Oberhaupt des Hauses tun sollen, in das sie eingekehrt sind. Wer ist nun der Herr im Haus? Wir merken, wie tiefgründig die Handlungen dieses geheimnisvollen Wanderers sind: Ich will der Herr Eures Hauses, eures Lebenshauses sein. Ich bin der Christus für euch. Uns kann nichts besseres geschehen, als das, daß Jesus der Herr in unserem Leben ist. Dann können wir mit allen anderen „Herren“ in unserem Leben anders umgehen. Jesus will unser Leben in Beschlag nehmen, dann werden wir „beschlagen“ sein. Jesus kommt als der „Für dich-Gott“ (Imanuel). Wer kann dann noch gegen uns sein? (Rö.8,31). Manche möchten Jesus gerne in ihrem Leben haben. Sie bitten ihn ins Besuchszimmer. Für den Rest ihres Lebenshauses wollen sie aber selbst „Herr im Hause“ bleiben. Es ist aber heilsamer und befreiender, wenn wir beten: „Herr, hier hast du den Generalschlüssel zu allen meinen Lebensbereichen“. Dann reicht der Glaube in alle Schwierigkeiten, dann ist Kraft für alle Herausforderungen da, dann ist Hoffnung da in allen scheinbar auswegslosen Situationen.

EIN ZÜNDENDER PERSPEKTIVEN-WECHSEL

Jetzt fällt es den beiden wie Schuppen von den Augen. Sie erkennen: Es ist Jesus! Er lebt! Die Osterbotschaft der Frauen ist wahr! Das Grab ist leer! Der Tod konnte den Herrn des Lebens nicht vernichten! Vielleicht war es diese Geste, die Jesus als Tischgebet auch bei ihrem letzten Zusammensein, dem Passamahl praktiziert hatte: „Er nahm das Brot, sagte Dank, brach´s, gab´s ihnen….“ Dies ist mein Leib, für euch gegeben. Dies ist mein Blut, für euch vergossen...“. Sie erkennen Jesus, aber da ist er auch schon verschwunden vor ihren Augen. Ist das nicht sehr bedauerlich? Ach, wenn er doch jetzt… Ach, hätten wir doch… Warum hat Jesus nicht… . Nein, so denken sie nicht mehr. So können sie nicht mehr denken und empfinden. Jetzt „lüpft “ es ihnen den Deckel in ihrem trägen Herzen! Jetzt beginnt in ihnen das Feuer des Glaubens zu brennen. In einem Moment wird ihre bisherige resignierte Retroperspektive verwandelt in eine Hoffnungsperspektive. Glauben heißt Umden­ken. Die beiden können jetzt alles umdeuten. Sie sehen das ganze Geschehen der letzten Tage mit anderen Augen. Sie sehen auf Jesus mit erfülltem Herzen. Sie sehen auf sich selbst mit Freude. Sie blicken zurück nach Jerusalem – und jetzt macht es „Klick“ in ihnen! „Vorwärts, wir müssen zurück zu den Brüdern und Schwestern, in ihre dunkle Trauer und Resignation.“

ZURÜCK INS CHAOS

Sie springen auf, ergreifen den Mantel, suchen sich vielleicht noch irgendeine Fackel. Und dann eilen sie durch die Nacht zurück nach Jerusalem. Eben hatten sie noch den Wanderer gewarnt, bei Nacht weiterzureisen, jetzt ist es ihnen wurscht, ob da Stolpersteine liegen, Räuber lauern, Abgründe gähnen. Der Glaube setzt in Be­wegung und riskiert etwas. Das vorher so Wichtige wird unwichtig. Das eine ist wichtig: Den anderen diese unfassliche Botschaft zu bringen. „Der Herr ist aufer­standen!“ Sie kehren als Hoffnungsträger zurück, dorthin wovor sie geflohen sind. Sie wissen nicht, was sie erwartet. Das ist ihnen zweitrangig. Sie haben ihre Ängste überwunden. Glaube kann „Berge“ versetzen. (Mk.11,23). Wenn wir uns nocheinmal vergegenwärtigen: Die schleichenden, resignierten Heimkehrer am Anfang der Geschichte sind jetzt die eilenden, glaubenvollen, mutigen Botschafter Jesu. Da wird die ganze Veränderung sichtbar. Also nicht nur in einer stillen und privaten Änderung der Gesinnung, son­dern in einer spürbaren Veränderung ihres ganzen Lebensstils. Dies ist die 5. Phase der Seelsorge Jesu: Aufbrechen und Verändern.

IN DIE ZUKUNFT AUFBRECHEN

Atemlos kommen sie in Jerusalem an – mitten in der Nacht. Sie klopfen an ihrem bisherigen, geheimen Treffpunkt. Als ihnen geöffnet wird, platzen sie mit ihrer Botschaft heraus: „Der Herr ist auferstanden!“ Jetzt wird ihre Freude ein bißchen gedämpft. Die anderen wissen es bereits! Sie antworteten:“Er ist wahrhaftig aufer­standen und Simon erschienen!“ (V.34). Daraus wurde der wunderbare Brauch der Gläubigen in den Ostkirchen, sich am Ostermorgen mit diesem Ostergruß zu be­grüssen. Und jetzt muß jeder erzählen: der Kleopas und der Andere und Simon Petrus und die Frauen – und als sie so reden, erscheint ihnen Jesus. Welche Freude, welcher Jubel! Aber Jesus muß sie jetzt vorbereiten auf seinen Abschied und den Aufbruch in die Zukunft. Aus dieser kleinen Schar von getrösteten „Verlierern“, wird die Keimzelle einer Gemeinschaft, die die Welt verändert – durch den Glauben. „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein, in Jerusalem, in Judäa und Samarien und bis ans Ende der Erde.“ Das Ziel der Seelsorge Jesu ist erreicht. Die Jüngerinnen und Jünger sind motiviert, begeistert, warten auf die Kraft Gottes und sind bereit, sich mit allen Kräften und Gaben senden zu lassen. Ihr Leben hat einen Sinn!

Das soll auch unser Ziel unserer Seelsorge aneinander sein: Dem anderen beizu­stehen, damit er im Glauben wächst, die Gaben Gottes empfängt und aufbricht in sein Jerusalem – Familie, in sein Judäa-Alltag, in sein Samarien- grenzüberscheitend zu anderen Menschen, bis ans Ende der Erde – gemäß seiner Sendung und der konkreten Platzanweisung, die für jeden anders aussehen kann.

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